Die Hände zum Himmel: Düsseldorf im Deutschland-Fieber. (Foto: Wilfried Meyer)
Gleich nach dem Sieg über Schweden erlebt die Düsseldorfer Königsallee ein riesiges Hupkonzert.
Düsseldorf. Der 2:0-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft über Schweden lässt Millionen Fans in Deutschland jubeln, versetzt auch die Fußballanhänger in Düsseldorf in ausgelassene Party-Laune und führt zu einem Autokorso, wie ihn die Kö noch nicht gesehen hat. Schon wenige Minuten nach dem Abpfiff des Achtelfinalspiels ist das Hupen sich aus allen Richtungen nähernder, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschmückter Autos zu hören. Eines der ersten Fahrzeuge, das laut hupend auf die Kö einbiegt und von einer Gruppe junger Leute in deutschen Nationaltrikots mit einer La-Ola-Welle empfangen wird, ist fast schon "typisch Düsseldorf" ein dunkelblaues Rolls-Royce-Cabriolet.
Kurz nach 19 Uhr geht nichts mehr: Die Kö ist fast völlig verstopft, Rückstau bis zur Elberfelder Straße und Heinrich-Heine-Allee. Mittendrin ein Van, aus dem gleich vier verschiedene Nationalflaggen geschwenkt werden: Mohammed (19) mit der niederländischen Fahne, Abdel (19) mit einer brasilianischen, Cihan (19) mit der französischen Trikolore und Kurt Ulay (20) mit der deutschen Fahne. Die vier Schüler von der Schule an der Franklinstraße: "Kein Witz, das sind tatsächlich unsere jeweiligen Nationalfahnen!"
Warum plötzlich so viele Autos auf der Kö sind, erklärt Thomas Passlack (27), der mit vier Freunden aus Mettmann angereist ist, sich weit aus dem Autofenster hinausgelehnt und wild eine Deutschland-Fahne schwenkt: "Autokorso nach so einem Spiel ist doch fast schon Pflicht und für mich besonders." Immerhin ist er der Cousin des vierfachen Fußball-Nationalspielers Stephan Passlack (KFC Uerdingen Borussia Mönchengladbach).
Auch Julia Nazar (25) und Freundin Jessica Teske (21) stecken mit ihrem hellblauen VW-Käfer-Cabriolet im Korso-Stau. Das Besondere an ihnen: Sie schwenken blau-gelbe Schweden-Fahnen. Julia Lazar lacht: "Ich bin Schwedin. Wir hatten zwar gehofft, dass Schweden weiterkommt, aber wir feiern trotzdem mit, weil hier so eine supertolle Stimmung ist."
Supertoll ist die Stimmung auch in der Altstadt: Zwischen Bolkerstraße, Bergerstraße und Ratinger Straße ist kaum ein Durchkommen. Überall "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin"-Rufe, das Gedröhne von Pressluft-Fanfaren und schrille Pfiffe aus Schiedsrichter-Pfeifen. Selbst Altstadt-Original "Orgel-Bernd" hat sich auf die feiernden Fans eingestellt, eine schwarz-rot-goldene Kappe aufgesetzt, seine Drehorgel mit Fußball-Aufklebern und einer Deutschland-Fahne ausgestattet und das Orgeln aufgegeben. "Da hört jetzt ja doch niemand mehr zu", sagt er strahlend denn obwohl er nicht spielt, landen dennoch zahlreiche Münzen freudetrunkener Fans in seinem Sammelschälchen. . .
Inmitten der Menge fallen Jan Sjörholm (50) und Anil Bidander (35) mit ihren schwedischen Trikots sofort auf. "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen"-Gesänge deutscher Fans müssen sich die beiden Göteborger desöfteren anhören wohl wissend, dass dies keinesfalls böse gemeint ist. Im Gegenteil: "Ihr habt trotzdem gut gespielt", tröstet ein Fan die Beiden, klopft ihnen auf die Schulter und zieht glückselig weiter. "Die Stimmung hier ist absolut super. Wir lieben Düsseldorf und sind froh, dass wir noch eine Woche bleiben können", sagt Sjörholm.
Während in der Altstadt die Stimmung in immer größere Höhen steigt, beginnt sich gegen 20.30 Uhr die Kö langsam zu leeren erst anderthalb Stunden nach dem Beginn des Autokorsos. "Die fahren jetzt wohl nach Hause, um sich das zweite Spiel anzusehen", vermutet Polizeihauptkommissar Wolfgang Lorenz, der mit seinen Kollegen an der Ecke Heinrich-Heine-Allee/Theodor-Körner-Straße eine Sicherheitsabsperrung durchführt.
"Aber so einen Autokorso habe ich hier in Düsseldorf noch nie erlebt. Und das Schönste dabei ist, dass das hier alles so absolut friedlich und in guter Stimmung abläuft. Ich bin mal echt gespannt, was wir hier erleben werden, wenn Deutschland auch die nächsten Spiele noch gewinnen wird." Dass er dies auch tatsächlich erleben möchte, zeigt ein schwarz-rot-goldenes Frottee-Schweißband an seinem rechten Handgelenk. "Ein kleines Zeichens unseres Mitfieberns", schmunzelt Lorenz. Mehr Flagge zeigen dürfen die Beamten nämlich auf Anweisung von ganz oben nämlich nicht.
Von Horst Kuhnes


