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20. Mai 2007 - 00:00 Uhr
Tanztheater: Wallfahrtsort des Wohlgefühls
von Bettina Trouwborst
Das neue Stück von Pina Bausch dreht sich um Indien und enttäuscht choreografisch trotz guter szenischer Einfälle.
 
 

Wuppertal. Wange an Wange. Die exotische Schöne und ihr Kerl, Typ Omar Sharif, blicken von der farbenfrohen Projektion im Wuppertaler Schauspielhaus. Pina Bausch goes Bollywood. Warum nicht – schließlich ist sie Expertin in Sachen Liebe und hat mit ihrem Ensemble einige Wochen in Indien verbracht, um Eindrücke für ihr „Neues Stück 2007“ aufzunehmen – eine Kooperation mit den Goethe-Instituten Indiens. Der Titel wird, wie so oft, nachgereicht.

Die Wuppertaler Bühnen, in den 1970er und 80er Jahren bekanntlich Kriegsschauplatz der Liebe, haben sich mit den Jahren immer mehr in einen Wallfahrtsort des Wohlgefühls verwandelt. Samtige Säuselmusik streichelt die Ohren, aufregende Tänzerinnen und die – diesmal nicht ganz so geschmackssicheren – Abendkleid-Gedichte von Marion Cito verwöhnen die Augen.

Insofern alles wie gehabt, halt indisch eingefärbt: wallende, weiße Stoffbahnen, irritierend unregelmäßig gehängt, begrenzen Peter Pabsts allzu schlicht geratene Bühne nach hinten. Rainer Behr beschwert in Anspielung auf den brahmanischen Sati-Brauch (Witwenverbrennungen) Jorge Puerta Armentas Arme und Schultern mit Ästen, der sie mit artistischer Perfektion balanciert.

Shantala Shivalingappa tanzt Kuchipudi mit westlichen Elementen

Die hinreißende indische Tänzerin Shantala Shivalingappa, der heller denn je strahlende Stern der Truppe, tanzt Kuchipudi, durchwirkt mit modernen westlichen Elementen. Und reicht ein Duftband durch die erste Zuschauerreihe: „It’s cardamon“, sagt sie, als lüfte sie ein süßes Geheimnis. Und lächelt. Es sind die szenischen Passagen, die in Erinnerung bleiben.

Wenn Fernando Suels und Nayoung Kim sich auf ein Brett auf zwei Papprollen betten und selig hin- und her schaukeln, wenn Jorge Puerta Armenta durch einen Hulahoop-Reifen Anna Wehsarg einen Kuss auf die Wange verpasst, dann gelingt Pina Bausch, 66 Jahre alt, noch immer die pointensichere Poesie, dieser altmodische Glückshumor, jene Menschlichkeit eben, für die das Publikum sie liebt.

Ansonsten macht sich Unlust breit. Indien – Land des Lächelns? Wo bleiben Probleme wie Armut oder Umweltkatastrophen? Gewiss, drei Frauen posieren aufreizend am Boden und kauen – mit leerem Mund und leerem Blick. Diese Szene installiert Bausch sogar in der Pause vor dem Büffet. Auch rennt ein Paar mit bandagiertem Gesicht im Kreis, zwei Männer stützen sich gegenseitig mit verzweifeltem Ausdruck. Wenige, starke Momente.

Choreografisch enttäuscht das Indien-Stück, gemessen an den beglückenden Tanzfesten der voran gehenden Jahre. Die Passagen der Frauen, die routinemäßig in Anmut erstarren und ihr Rapunzel-Haar um sich werfen, zerdehnen sich ohne rechte Inspiration. Für das Ensemble und die Männer fiel der Tanztheater-Ikone mehr ein. Franko Schmidt, Fernando Suels und Pablo Aran Gimeno (einer von drei Neuzugängen) zeigen herausragende Soli. Pina Bausch wirkte müde beim Applaus.

2 ½ Stunden, eine Pause, Auff.: 22., 23., 25. bis 28. Mai, Restkarten an der Abendkasse

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