Krefeld. Martin (Name geändert) ist die Sache ganz schön peinlich: Seine Mutter hat einen Anruf erhalten, weil ihn die Polizei an Rosenmontag ziemlich angeheitert und mit einer Flasche Whiskey-Cola erwischt hat. Nicht unbedingt der ersehnte Karnevals-Ausklang für den 14-Jährigen. Doch die Clique hat Druck gemacht. Und Martin wollte eben keine Spaßbremse sein.
Etliche Familien können in den nächsten Tagen mit einem solchen Anruf des Jugendamtes rechnen. „Ich schätze, es werden etwa 100 sein“, sagt Mitarbeiterin Birgitt Plüm, zuständig für den Kinder- und Jugendschutz.
Kontakt wird zu all jenen aufgenommen, deren Nachwuchs in eine der Kindersammelstellen, ins Krankenhaus gebracht oder eben mit Alkohol erwischt worden sind. Plüm: „In den Sammelstellen war keine Zeit für ausführliche Gespräche.“
Ein solches erwartet auch Martin schon mit mulmigen Bauchgefühl. Komischerweise sagt seine Mutter aber erst mal nichts. Denn: „Eltern gehen mit dem Alkoholkonsum ihrer Kinder oft sehr unsicher um. Viele haben Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Sie wollen nicht autoritär im klassischen Sinn sein. Sie denken, dass sie einen besseren Kontakt zu ihrem Kind bekommen, wenn sie Partys und Alkohol erlauben“, weiß Dietmar Siegert vom Kinderschutzbund.
„Doch mit dem Laissez-faire-Stil nach dem Motto ,Ich bin nur Begleiter meines Kindes’ haben sie auch keinen Einfluss“, beschreibt er ein Erziehungs-Dilemma, in dem viele Eltern steckten. „Ich kenne auch welche, die kapituliert haben und sagen: Unsere Kinder trinken doch ohnehin heimlich“, weiß Siegert aus Beratungsgesprächen.
Kinder bekommen den Geschmack früh antrainiert
Was ist also das richtige Mittel? Welche Grenzen können Eltern ziehen? Ab wann geht Nippen am Glas Wein in Alkoholmissbrauch über? Jedes vierte Kind zwischen 11 und 17 Jahren trinkt inzwischen regelmäßig, wissen Experten. „Normalerweise mögen sie den beißenden Geschmack anfangs nicht, doch er wird früh antrainiert. In vielen Süßigkeiten und Lebensmitteln ist Alkohol enthalten“, sagt Siegert. Omas Geburtstag – es darf zur Feier des Tages ein Schlückchen genippt werden – ist für Kinder oft der erste Schritt in die Erwachsenenwelt.
„Es wird in den Elternhäusern heute zu viel vorgetrunken. So machen sich Erwachsene mitschuldig“, sagt Siegert. „Ich würde mir deshalb mehr Zivilcourage wünschen. Aus Angst, die Sympathie ihrer pubertierenden Kinder zu verlieren, einigen sich viele darauf, ihre Kinder in ihrem Beisein trinken zu lassen – nach dem Motto „Ich will wissen, was mein Kind tut.“
Doch welche psychologischen und körperlichen Folgen dieses Tolerieren von Alkohol auf die Entwicklung ihrer Kinder hat, darüber machten sich Eltern zu wenig Gedanken. „Es wird verharmlost, weil die meisten selbst Konsumenten sind.“
Siegert: „Das Problem zieht sich quer durch alle Bildungsschichten. Ich habe sogar das Gefühl, dass es mehr Exzesse unter Jugendlichen aus bildungsnahen Familien gibt.“ Die Gründe: Liebeskummer, Schulsorgen, mangelndes Selbstvertrauen pubertierender Jugendlicher oder das andere Extrem des Überbehütetseins und zu viel Strenge.
„Dass Kinder ihre Grenzen ausloten und Alkohol probieren wollen ist normal.“ Verbote und Vorwürfe seien deshalb erst einmal fehl am Platz, solange Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft so stark akzeptiert sei.
Unter Alkoholeinfluss können sie Gefahren nicht mehr abschätzen
Jugendamt-Mitarbeiterin Plüm rät, mit den Mädchen und Jungen über die Folgen zu sprechen: „Sie können Gefahren wie ein herannahendes Auto nicht mehr richtig einschätzen. Wer sich betrinkt, kann sich auch nicht mehr wehren – Mädchen zum Beispiel, wenn aus einem Flirt mehr zu werden droht.“
Es sollten klare Absprachen erfolgen, die Jugendlichen stark gemacht werden, dass sie auch bei Gruppenzwang widerstehen. Bei Veranstaltungen wie dem Rosenmontagszug sei es auch wichtig, Kindern Geld etwa für ein Taxi oder ein Handy mitzugeben.
„In jedem Fall sollte der sichere Heimweg abgesprochen werden. Auch eine verbindliche Uhrzeit. Am besten wird ein Treffpunkt vereinbart, an dem das Kind abgeholt wird.“ Besonders wichtig sei das Verhalten der Eltern, erinnert Plüm an die Vorbildfunktion: „Das hat großen Einfluss auf die Kinder.“
So gehen Eltern richtig mit dem Thema Alkohol um
Ulrike Schindler: „Mein ältester Sohn ist 17 Jahre alt. In seiner Clique ist Alkohol ein großes Thema. Alkoholische Getränke gehören für die Jugendlichen zu einer Party dazu. Deshalb finde ich die öffentliche Diskussion gut. Ich bin immer beunruhigt, wenn mein Sohn ausgeht. Schließlich kann er die Wirkung von Alkohol auf seinen Körper noch nicht einschätzen. Bier schmeckt ihm nicht so gut, eher süßliche Mix-Getränke mit Wodka oder Alkopops. Er erzählt mir nicht, wie viel er trinkt, aber ich habe ihn auch noch nie betrunken gesehen. Er sagt, wenn er Alkohol getrunken hat, sei er offener, traut sich mehr auf Mädchen zuzugehen. Ich zeige Verständnis. Ich denke, wir haben eine gute Gesprächskultur, die solche Themen zulässt.“
Horst Pricken: „Ich habe einen 14-jährigen Sohn. Alkohol zu trinken, ist bei ihm und seinen Freunden gang und gäbe. Ich finde es in Ordnung, sofern es kleine Mengen sind. Wir haben großes Vertrauen in ihn. Er mag Bier-Mischgetränke und Alkopops. Dafür findet er Rauchen ätzend. Grundsätzlich fände ich es aber schöner, wenn sie erst später anfangen würden, ab 16.“
Volker Hendricks: „Ich habe 16- und 18-jährige Söhne. Die machen sich zum Glück nicht viel daraus. Der Gruppendruck kann schon eine ganz schöne Dynamik entwickeln. Ich habe nichts dagegen, wenn sie mal ein Bier trinken. Aber als sie noch jünger waren, haben wir ihnen klar gesagt, dass es Dinge nur für Erwachsene gibt.“




