Düsseldorf. Was kann der Mann reden! Wer den Verleger Jörg Schröder, Jahrgang 1938, nach einem Detail seiner Biographie fragt, hat gute Chancen, gleich das mündliche Drehbuch zu einem abendfüllenden Film geliefert zu bekommen – einer persönlich gefärbten und hochinteressanten Doku über die wilden Jahre der Bundesrepublik (tatsächlich verfilmt unter dem Titel „Die März Akte“).
Also dann, Herr Schröder, wie war das im Schicksalsjahr 1968, als die Gruppe um Andreas Baader und Gudrun Ensslin das Frankfurter Kaufhaus anzündete, Rudi Dutschke angeschossen wurde und junge Menschen zu Tausenden auf den Straßen protestierten?
Der legendäre Verleger dieser Zeit holt tief Luft. „Das ist ein weites Feld, aber uns haben diese Ereignisse natürlich berührt“, beginnt er in Berliner Dialekt. „Uns“, das steht für eine Generation, die jetzt – im Erinnerungsjahr 2008 – in das öffentliche Interesse gerückt ist: die 68er.
Jörg Schröder schiebt schnell eine Anekdote hinterher, die das Klischee dieser Generation aufs herrlichste bedient: Auf der Frankfurter Buchmesse pinkelt einer seiner Freunde auf den Stand des Springer-Verlags – Entsetzen rundherum, Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld ringt die Hände. Schröder lacht, es klingt wie ein Seufzer: Das waren noch Zeiten...
Auf der Kö machte Schröder seine Buchhändlerlehre
Am Mittwoch kommt der Chef des März Verlags ins Heine-Haus, um im Rahmen der dortigen Ausstellung „Der März-Raum“ über sein Leben und seine Arbeit zu sprechen. Für den gebürtigen Berliner ist es eine Rückkehr: Nach der Schulzeit in Bonn macht er Anfang der 60er Jahre eine Buchhändlerlehre auf der Kö.
Anschließend arbeitet er als Werbefachmann in Köln. Der Slogan „Heißt geliebt und kalt getrunken“ für einen bekannten Korn aus Norddeutschland stamme von ihm, berichtet er nicht ohne Stolz.
Über Kiepenheuer & Witsch kommt er wieder zu den Büchern – und bleibt ihnen fortan treu. 1965 wird er Programmchef bei dem auf Judaica spezialisierten Verlag von Josef Melzer. Schröder wird als Sanierer geholt und hat als solcher Erfolg – unter anderem mit Autoren wie Jack Kerouac. „Mich interessierte die Postmoderne“, sagt er.
Nach der Trennung von Melzer setzt er diese Richtung bei seinem Frankfurter März-Verlag fort. Durch Lizenzen mit der auf Erotica spezialisierten Olympia Press finanziert er das politische und literarische Programm, zu dem auch Leonard Cohen und Ben Kesey („Einer flog über das Kuckucksnest“) gehören.
Die Jahre rund um 1968 bilden in seiner Kurzbiographie eine Perlenkette der kleinen und größeren Skandale: 1967 veröffentlicht Jörg Schröder Titel wie den Sadomaso-Klassiker „Geschichte der O“; 1970 bringt er eine gefälschte Lenin-Briefmarke heraus und schickt sie an Bundestagsabgeordnete; 1971 beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft Frankfurt den Porno-Comic „Lucys Lustbuch“.
Doch die Zeiten von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll scheinen lange vorbei. Im Jahre 2008 spricht Schröder, der das Verlagswesen durch „Sozialisierung“ revolutionieren wollte, ganz einsichtig von der Undurchführbarkeit dieses Vorhabens: „Der Wille zum Kollektiv war da, aber die praktischen Verhältnisse waren eben anders.“
Das Nachglühen seiner Sturm-und-Drang-Zeit lässt sich im Internet beobachten: Dort führen Jörg Schröder und seine Frau Barbara Kalender einen eigenen Webblog – mit eindeutigen Texten und Fotos.
„Schröder erzählt“ im Rahmen von „Pop am Rhein“, Mittwoch (13.2.), 19.30 Uhr, Heine-Haus, Bolker Straße 53.





