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25. August 2008 - 18:16 Uhr
Die anderen China-Bilder
von Sophia Willems
Ein herausragender Bildband, den 88 Fotografen zusammenstellten, zeigt Chinas Geschichte von 1949 bis in unsere Tage.
 
 

Düsseldorf. An diesem gewaltigen Opus kann man sich noch weit über Olympia hinaus erfreuen. Denn hierin hat Pulitzer-Preisträger und Herausgeber Liu Heung Shing unzählige Facetten von 1949 bis heute versammelt – ein spannendes Reportage-, Dokumentar- und Geschichtsbuch zugleich. Shing hat die Archive sage und schreibe 88 chinesischer Fotografen ausgewertet.

So nahe muss man erst einmal der chinesischen Geschichte kommen. Es sind ausschließlich Einblicke in den inneren Kreis des riesigen Landes, wo wir eine Tausendschaft von Landarbeitern beim Bau gigantischer Projekte beobachten können – alle geschrumpft zu Stecknadeln. Oder man sieht ihre leidgeprüften, schmerzverzerrten Gesichter, kurz bevor ihre Häuser für den kolossalen Deich abgerissen werden. Armut ist in den 50-er Jahren allgegenwärtig.

LIU Heungshing (Hrsg.): „China – Porträt eines Landes von 88 chinesischen Fotografen“. geb., Taschen Verlag, Köln 2008, 423 Seiten, 39,90 Euro

Doch skurrile Momente fehlen nicht, wenn etwa der Marschall Ye Jianying, der maßgeblich an der Verhaftung der so genannten Viererbande beteiligt war, halbnackt am Strand in der Provinz Hainan Hof hält. 1980 war es dann eine gern gepflegte Sitte von Politikern wie Deng Xiaoping, sich im Kreise anderer staatstragender Freunde bei Badefreuden ablichten zu lassen. Dies war ein Teil der Propaganda für eine bessere Volksgesundheit. Dorfbewohner aus der Inneren Mongolei lassen sich gar als Nacktbader ablichten mit dem Hinweis, die Natur möge sauber erhalten bleiben.

„Konterrevolutionäre müssen sich öffentlich bezichtigen und demütigen.“

Es ist bemerkenswert, dass hier auch Aufnahmen aus den 60-er Jahren versammelt sind, die brutale Erschießungen – Hände gefesselt, schon vor oder in der Erdgrube – zeigen. Oder demonstrieren, wie Menschen sich selber öffentlich demütigen müssen. Sie tragen Schilder, in denen sie sich, vorher geschoren, der Schande bezichtigen, Konterrevolutionäre oder bourgeoise Spione zu sein. Hiervor konnte die Männer keine noch so hohe Position schützen.

Die gespenstischen Millionen auf dem Tiananmen-Platz, die Mao zujubeln, kontrastieren einige 100 Seiten später mit einem Berg von Polizei-Schilden eben dort nach der Ermordung Hunderter von Studenten. Nicht minder gespenstisch sind Mädchen, die, in Reih und Glied, mit Holzbajonetten aufmarschieren; 2003 treffen sich ehemalige Mitglieder einer Frauen-Miliz bewaffnet und mit gefülltem Patronengürtel fröhlich lachend zum Erinnerungsfest.

Und auf den Straßen steht der Mensch hilflos vor Politikerplakaten, die doppelt so hoch sind wie er selber. Das Jahrzehnt 1970 bis 1979 nennt Liu Heung Shing „Misstrauen, Verrat und andauernder Wahnsinn.“ Dem folgt „Rock ’n’ Roll und Modernisierung“.

Als gehe nach Maos Tod ein Aufatmen durch das Land, sieht man nun auf Straßen schmusende Pärchen oder einen Cola schwenkenden Mann. Auf fast szenische Aufnahme eines Mittagsmahles, zu dem sich drei Generationen einer Familie auf dem Hinterhof in Harbin treffen.

2005 ist China mancherorts wieder in der Bürgerlichkeit gelandet, sei es in der biederen oder der betuchten gehobenen. Doch am Oberlauf des Jangtse arbeiten die Männer noch nackt – um die Kleidung zu schonen...

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