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27. November 2008 - 14:54 Uhr
Arbeit und Aids: Von der Panik, aufzufliegen
Der Beruf gehört immer öfter zum Leben mit HIV – doch viele Betroffene werden von Kollegen massiv diskriminiert. Ein Bericht zum Welt-Aids-Tag.
 
 

Wuppertal. Seine tägliche Tabletten-Dosis nimmt er heimlich hinter vorgehaltener Hand. Für seinen lang anhaltenden Schnupfen lässt er sich immer wieder irgendeine Ausrede einfallen. Kontakte zu Kollegen vermeidet er, um ja nicht aufzufliegen. Fabian F. arbeitet im Außendienst eines Handwerkbetriebs und lebt in ständiger Angst, dass seine Kollegen oder der Chef erfahren, dass er HIV-positiv ist. „Ich habe mich nicht als schwul geoutet und verschweige meine Krankheit – ich verleugne meine ganze Identität“, sagt der junge Mann. „Das Versteckspiel kostet viel Kraft. Ich hasse es, ständig lügen zu müssen.“

Krank zur Arbeit, um ja nicht aufzufallen

Schweren Herzens unterschrieb er den Arbeitsvertrag seiner Firma. In einer Passage hieß es dort: „Der Arbeitnehmer erklärt, dass er arbeitsfähig ist, an keiner ansteckenden Krankheit leidet und keine sonstigen Umstände vorliegen, die ihm die vertraglich zu leistenden Arbeit jetzt oder in naher Zukunft wesentlich erschweren oder unmöglich machen.“ Seine Schwerbehinderung hat Fabian F. demnach verschwiegen. Lieber verzichtet er auf fünf zusätzliche Urlaubstage, als nur noch der Kollege mit der schmutzigen „Schwulenseuche“ zu sein, wie er verbittert zugibt. „Ich habe Angst, dass dann alle Vorurteile auf mich zu rollen.“ Sogar wenn er krank ist, schleppt er sich zur Arbeit – um ja nicht aufzufallen.

In Deutschland leben laut Robert-Koch-Institut aktuell rund 63 500 Menschen mit HIV oder Aids. Von ihnen haben sich geschätzte 3000 im Jahr 2008 infiziert. Etwa 650 Menschen mit einer HIV-Infektion sind in 2008 gestorben. Michael Jähme von der Aids-Hilfe schätzt, dass in Wuppertal rund 300 HIV-Positive leben, rund die Hälfte von ihnen ist berufstätig. 10 bis 15 Neuansteckungen gebe es pro Jahr im Raum Wuppertal.
„Gemeinsam gegen Aids. Wir übernehmen Verantwortung. Für uns und andere.“ heißt in diesem Jahr das Motto des Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Mit sieben Schwebebahn-Touren soll in der Stadt auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Um 9.24 Uhr startet die Bahn am Montag, 1. Dezember, mit dem Oberbürgermeister Peter Jung in Oberbarmen. Ehrenamtlich informieren an Ständen in Elberfeld und Barmen über die Krankheit. In der börse an der Wolkenburg wird um 14 Uhr eine Ausstellung zum Thema Aids eröffnet. Zu einem Benefizkonzert laden die Wuppertaler Bühnen ab 19.30 Uhr ins Foyer des Schauspielhauses an der Bundesallee 250 ein. Am Donnerstag, 4. Dezember, wird um 13 Uhr im Cinemaxx ein Spendentrichter mit dem Vollplaybacktheater eingeweiht.
Evangelische und katholische Christen und Menschen, die nicht viel mit „Kirche am Hut“ haben, treffen sich am Sonntag, 30. November, um 18 Uhr in der Kirche in der City, Kirchplatz, zum ökumenischen Gottesdienst. Das Motto des Arbeitskreis Kirche und Aids: Hab Mut und steh auf.
Informationen zum Programm gibt es bei der Aids-Hilfe unter Telefon 45 00 03.

Auch Sandra K., die in Teilzeit in einem Büro arbeitet, hat sich schnell von der Idee verabschiedet, ihren Kollegen von der HIV-Infektion zu erzählen. Eine Vertraute, die im Betriebsrat des gemeinsamen Arbeitgebers sitzt, hat ihr klar abgeraten. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als richtig erwies. Wenig später hörte Sandra K. von einem männlichen positiven Kollegen aus einer anderen Abteilung, der sich geoutet hatte. Seine Kollegen reagierten mit einer Unterschriftenaktion, weigerten sich weiter mit ihm zu arbeiten. Er wurde unter einer fadenscheinigen Ausrede an einen anderen Standort versetzt.

„Die ständigen Lügen sind ein Spießrutenlauf“

Seitdem ist sie hin-und hergerissen: Einerseits will sie ihre Kollegen nicht anlügen, andererseits ist da die Panik, entdeckt zu werden: „Als Positive war man entweder ein Drogi oder ein Flittchen, aber nie eine ganz normale Frau“, sagt die Mutter einer Tochter. Die ständigen Lügereien sind für sie ein „ewiger Spießrutenlauf“. Neben der Angst vor Diskriminierung und dem psychischen Druck kommen auf HIV-Positive andere Belastungen zu: Die Arbeit strengt sie sehr an, oftmals sind sie fix und fertig, wenn sie nach Hause kommen. Die erforderlichen regelmäßigen Arztbesuche lassen sich schwer mit den Arbeitszeiten koordinieren.

Für Peter W., der im sozialen Bereich arbeitet und offen mit seiner Erkrankung umgegangen ist, kam noch etwas anderes hinzu: „Ich hatte vor, in dem Unternehmen Karriere zu machen. Aber HIV war der Karriereknick.“ Heute kann er nur halbtags arbeiten. „Das nagt am Selbstbewußtsein. Einen beruflichen Wechsel traue ich mir nie zu.“ Obwohl sein berufliches Umfeld durchaus sensibel für das Thema ist, wurde er mehrfach Opfer von Schmutzkampagnen gegen Schwule aus seinem entfernten Kollegenkreis. „Wenn’s um die Karriere geht, ist das eine Schwäche, die gerne ausgenutzt wird“, sagt Peter W.

Der Welt-Aids-Tag hat sich das Thema Arbeiten mit HIV auf die Fahnen geschrieben. Dank des Therapiefortschritts sind Betroffene längst keine „Todgeweihten“ mehr. Viele sind gesundheitlich stabilisiert und können ihren Beruf fortsetzen. Michael Jähme von der Aids-Hilfe: „Menschen mit HIV und Aids als Bedrohung und Gefahrenquelle anzusehen, ist faktisch falsch und menschenunwürdig. Wir brauchen ein „update“ in der Gesellschaft, wie Leben mit Aids im Zeitalter wirksamer Therapien aussieht.“

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