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18. Februar 2009 - 23:02 Uhr
„Die Stimmung ist besser als die Lage“
von Das Interview führte Alexander Marinos
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn sieht kurzfristig schwarz. Dennoch werde die Wirtschaftskrise nur „eine Episode bleiben“.
 
 

Herr Professor Sinn, der Staatsinterventionismus hat Hochkonjunktur. Da muss einem Neoliberalen wie Ihnen doch angst und bange werden.

Sinn: Ich fordere eine Teilverstaatlichung schon seit längerem. Ganz wohl ist mir dabei indes nicht, denn wir haben ja gesehen, dass gerade die Staatsbanken am meisten gezockt haben. Sie sollten im übrigen mit Ihren Bezeichnungen vorsichtig sein. Im Gegensatz zum Paleoliberalismus, also dem Alt-Liberalismus, liegt das Besondere des Neoliberalismus von Ludwig Erhard und Walter Eucken gerade darin, dass der Staat eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Wirtschaft einnimmt.

. . . eine Rolle, die er mit Blick auf die Banken etwa zu lange vernachlässigt hat.

Sinn: Ja. Ich habe 2003 ein Buch über den Laschheitswettbewerb geschrieben.

Laschheitswettbewerb?

Sinn: Bei der Regulierung der Banken haben sich die Staaten gegenseitig unterboten, um das Bankengeschäft ins eigene Land zu ziehen. Das ist der Grund für die Krise.

Wie schätzen Sie die aktuelle Stimmung in der Wirtschaft ein? War sie nach dem Krieg je schlechter?

Sinn: Oh ja, mehrfach. Die Stimmung ist heute besser als die Lage. Die Binnenkonjunktur läuft noch ganz gut, weil die Verbraucher nach wie vor Geld ausgeben. Aus dem Ausland kommt aber ein dickes Gewitter – so schlimm, wie wir es zuvor noch nie aufgezeichnet haben.

Aber normalerweise folgt doch die Lage der Stimmung.

Sinn: Nein, eher folgt die Stimmung der Lage.

Ein Großteil der Wirtschaft besteht aus Psychologie und wird von Erwartungshaltungen bestimmt. Ist es nicht typisch für einen Wirtschaftsabschwung, dass sich erst die Stimmung eintrübt – und dann folgt die Lage?

Sinn: Es ist ein Wechselspiel. Im Moment ist die Lage wesentlich düsterer.

Es geht uns um die Frage, ob die Experten im Konzert mit den Medien die Krise nicht auch zum Teil herbeigeschrieben haben, als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Herr Sinn, sind Sie schuld am Abschwung?

Sinn: Zuviel der Ehre. Der Ifo-Index spiegelt wider, was die 7000 von uns befragten Unternehmen sagen. Jetzt können Sie natürlich fragen, ob es nicht besser wäre, wenn Medien und Forschungsinstitute den Mund halten.

Einverstanden. Wir fragen.

Sinn: Den Mund zu halten entspricht nicht unserem Auftrag, weder Ihrem noch meinem. Wir sind der Wahrheit verpflichtet.

Und, was Sie betrifft, auch dem Liberalismus. Sie sagen, dass Steuersenkungen für Sie jetzt das Mittel erster Wahl sind. Das fordert auch die FDP.

Sinn: Ich bin niemandem verpflichtet, einem „Ismus“ schon gar nicht, und für mich sind Infrastruktur-Ausgaben das Mittel der ersten Wahl. Straßen, Brücken, Schulen: Wenn man die jetzt erneuert, dann schafft man Beschäftigung in der Bauindustrie, und die Steuerzahler, die die Zeche werden zahlen müssen, haben langfristig auch noch etwas davon. Steuersenkungen zum Ausgleich der kalten Progression brauchen wir indes zusätzlich.

Wer hätte gedacht, dass Sie die Wirtschaftskrise noch zu einem Keynesianer macht: zu einem Fan staatlich finanzierter Konjunkturprogramme?

Sinn: Das ist eine eigenartige Feststellung, die, mit Verlaub, von Ihrer Unkenntnis zeugt. Ich gehöre zu den wenigen, die die keynesianische Theorie seit dreißig Jahren unterrichten. Ich habe allerdings kein Verständnis für ideologische Keynesianer, die im Aufschwung vergessen, dass der Staat die im Abschwung gemachten Schulden wieder zurückzahlen muss. Diejenigen, die Sie als Keynesianer bezeichnen, haben sich auch in den Boom-Jahren 2006 und 2007 dafür ausgesprochen, dass sich der Staat verschuldet und dass die Zinsen gesenkt werden. Heute haben wir eine Rezession und keinen Boom. Seit 1929 hat es keine Situation gegeben, in der keynesianische Politik so zielgenau passte wie jetzt. Aber Vorsicht: Diese Politik wirkt wie starker Kaffee. Er tut kurzfristig gut, ist aber ungesund, wenn man zuviel davon trinkt.

Und wenn die Wirtschaft 2009 nicht wieder auf die Beine kommt? Welche Handlungsmöglichkeiten hat die Bundesregierung noch, wenn sich ein weiteres Konjunkturpaket verbietet?

Sinn: Wenn aus der akuten eine chronische Krise wird, gibt es nur noch die Möglichkeit, auf langfristige Strukturreformen zu setzen und abzuwarten.

Kurzfristig scheint die Abwrackprämie gut zu funktionieren. Die Autohändler sind jedenfalls ganz begeistert. Sie aber nicht. Warum?

Sinn: Gekauft werden größtenteils billige Importautos. Ford und Opel mögen ein bisschen profitieren, aber die deutschen Premiumhersteller Daimler und BMW haben so gut wie nichts von der Abwrackprämie. Kern meiner Kritik ist indes, dass der Staat die Vernichtung ökonomischer Werte bezahlt. Das halte ich für absurd. Auch ökologisch bringt die Abwrackprämie nichts. Bei der Herstellung eines Golfs wird so viel Kohlendioxid produziert, dass das alte Auto zwei Drittel mehr Benzin verbrauch haben müsste als das neue, damit sich Vernichtung und Ersatzproduktion für die Umwelt lohnen.

Experten haben für gewöhnlich auf alle Fragen eine Antwort. Hat Sie die beispiellose Krise, in der wir stecken, in den vergangenen Wochen auch mal ratlos gemacht?

Sinn: Ja, natürlich. Es waren im amerikanischen Bankensystem Mechanismen am Werk, die ich erst nach und nach durchschaue.

Darf man das sagen als Wirtschaftsexperte: „Ich verstehe das nicht“?

Sinn: Ja, man muss es sogar. Deswegen ist man Forscher. Ein Forscher lebt davon, dass Dinge nicht bekannt sind und erst erforscht werden müssen.

Ihre Prognose: Wird sich eine ganze Generation mit der Krise herumplagen müssen – oder werden wir vielleicht schon in fünf Jahren sagen können, dass sie doch nur eine Episode geblieben ist?

Sinn: Es wird eine Episode bleiben. Die Geschichte wird sich nicht wiederholen: Es wird nicht so schlimm kommen wie von 1928 bis 1932, weil Wissenschaft und Politik gelernt haben. Der Bankenrettungsplan und das Konjunkturprogramm werden wirken.

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