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8. Mai 2009 - 17:19 Uhr
Das deutsche Nachkriegswunder
von Wolfgang Radau
Stunde Null: 1945 liegt Deutschland buchstäblich am Boden. Mit Fleiß, Können und der Hilfe des Marshallplans arbeiten die Menschen sich empor – Made in Germany wird zum weltweit anerkannten Markenzeichen.
 
 

Deutschland nach 1945. Der Krieg ist verloren. Die Städte liegen in Trümmern, Industrieanlagen und Verkehrswege sind zerstört. Millionen Menschen irren umher: Vertriebene, Kriegsheimkehrer, Obdachlose. Sie frieren, sie hungern, sie betteln.

Ginge es nach der Vision des US-Finanzministers Henry M. Morgenthau von 1944, Deutschland würde in den nächsten 20 Jahren von einem Industrie- in ein Agrarland umgewandelt. Stattdessen setzt der US-Außenminister George Marshall seinen Plan durch: „Ohne stabile wirtschaftliche Verhältnisse kann es keinen sicheren Frieden geben.“

Am 23. Mai wird die Bundesrepublik 60. Wir blicken in sechs Teilen zurück: Vom Wiederaufbau bis zur WM 2006. Montag: Das Wirtschaftswunder, Porträt: Fritz Walter Dienstag: Die Revolte von 1968, Porträt: Ludwig Erhard Mittwoch: Die Wellen des Wohlstands, Porträt: Alice Schwarzer Donnerstag: Musik, die das Land bewegte, Porträt: Herbert Grönemeyer Freitag: Die Bonner und die Berliner Republik, Porträt: Loriot Samstag: Wie das Ausland die Deutschen sieht

Am 21. Juni 1948 tritt die Währungsreform in Kraft. 60 D-Mark für jeden Bürger – das „gute Geld“ löst die wertlose Reichsmark und die „Zigarettenwährung“ ab. Meine Mutter schreibt in ihrem Tagebuch: „Nach ganz kurzer Zeit sind die Geschäfte mit all den lange entbehrten Kostbarkeiten gefüllt. Jetzt hört das Hungern auf.“

Zu Weihnachten bekomme ich ein Dreirad – handgefertigt für die Werkskinder von Klöckner-Humboldt-Deutz, wo meine Mutter einen Arbeitsplatz im Büro gefunden hat. Ich fühle mich wie ein kleiner König.

Das am Boden liegende Deutschland erhält aus dem Marshall-Plan 1,4 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau. Der ist zu diesem Zeitpunkt schon im vollen Gange. Mit primitiven Hilfsmitteln sind Straßen frei geräumt und Bahnen wieder in Betrieb genommen worden. Notdürftig funktioniert die Versorgung mit Strom und Wasser. Trümmerfrauen haben Schwerarbeit geleistet: Stein um Stein aus dem Schutt geklaubt, Putz abgeschlagen, Berge von Backsteinen für den Wiederaufbau gestapelt.

Als kleiner Kerl schaue ich mit großen Augen vom Balkon meiner Großmutter zu, wie in Köln zerbombte Häuser abgeräumt werden. Schwere Kettenbagger greifen ganze Mauern, lassen sie krachend auf Riesen-Lastwagen fallen. Und dann wird Sand geschippt und Speis geschleppt und Wand um Wand in die Höhe gemauert. Atemberaubend.

Noch spannender ist der Spaziergang zur Hohenzollernbrücke. Die eisernen Bögen und Fahrbahnen liegen noch im Rhein, aber in einer unglaublichen Rekordzeit von neun Wochen ist im freien Vorbau ein 168Meter langes Mittelstück wieder eingesetzt worden. Mit Signalhörnern werden 360 Züge am Tag durch das einspurige Nadelöhr gelotst – schwere, schwarze Dampfloks fauchen vorbei.

Aus „Trizonesien“ wird die Bundesrepublik Deutschland

Am 24. Mai 1949 schlägt in „Trizonesien“, in der vereinten Besatzungszone der drei Westmächte, die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Die Verkündung des Grundgesetzes vollzieht sich noch eher unbemerkt – die Menschen haben andere Sorgen. Aber dann, am 14. August 1949, dürfen sie zum ersten Mal wieder wählen. CDU/CSU, FDP und Deutsche Partei bilden eine Koalitionsregierung. Meine Oma hat ihre Stimme dem künftigen Bundeskanzler anvertraut: „Der Doktor Adenauer ist ein guter Mensch. Der geht jeden Sonntag zur Kirche.“

Konrad Adenauers wichtigster Mitstreiter wird der Wirtschafts-Professor Ludwig Erhard. Der gemütliche Franke mit der Zigarre setzt das Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft durch – gegen den massiven Widerstand der SPD, aber auch gegen Bedenken in der CDU.

Soziale Marktwirtschaft – das bedeutet die Sicherung der Gewerbe-, Wettbewerbs- und Exportfreiheit auf dem Markt, ergänzt um Elemente des sozialen Ausgleichs für Menschen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können. Die Widersacher in der Union wollen zumindest die Schwerindustrie verstaatlichen.

Die Zeit, die nun folgt, besingt der Kabarettist Wolfgang Neuss im Kinofilm „Wir Wunderkinder“ (1958): „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, jetzt kommt das Wirtschaftswunder, jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder...“

Wer etwas leistet, soll sich auch etwas leisten können

Hatte man in den 40er Jahren noch bescheiden davon geträumt, sich endlich wieder satt zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, heißt es nun: Wer etwas leistet, soll sich auch etwas leisten können.

Die komfortable Wohnung steht ganz oben auf dem Wunschzettel. Mit Kühlschrank und Waschmaschine. Der Traum aller Träume ist ein Urlaub am Gardasee. Der VW-Käfer wird zum Symbol des Wirtschaftswunders. Und wenn ich meine Oma besuche, kann ich neuerdings sogar fernsehen – die „Familie Schölermann“.

„Made in Germany“ wird zum Symbol für den mit Fleiß und Können erarbeiteten Aufschwung. Die Industrie floriert in einem Maße, dass bereits im Jahr 1955 die ersten Gastarbeiter angeworben werden. Der Millionste von ihnen, Armando Rodriguez aus Portugal, erhält als Begrüßungsgeschenk ein Moped – eine Kreidler Florett.

„Wohlstand für alle“ plakatiert die CDU vor der Bundestagswahl 1957. Die Union erringt die absolute Mehrheit. Und wer nicht zufrieden ist mit den Verhältnissen im Wirtschaftswunderland, für den gibt’s diesen Rat: „Geh’ doch in die Ostzone!“


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