Wuppertal. Nebel ist die helle Dunkelheit im Leben. Verhängen dichte Nebelschwaden die Sicht, trüben sie die Wahrnehmung, blenden bei Gegenschein und dämpfen die Akustik. Ideen, Ideologien oder Lebensentwürfe benebeln und verblenden. Paradox: Erst im Eingehülltsein in Nebel liegt scheinbar die Offenbarung.
Das Grundmotiv „Nebel“ hat die Tanzgruppe Spielraum des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums in „Nebelleben“ – eine Kooperation mit den Profitänzern Fa-Hsuan Chen, I-Fen Lin, Mats Terlongu, Szu-We Wu und dem Komponisten Christoph Iacono – auf die Bühne gebracht, Tanztheater vom Feinsten.
„Nebel“, das ist rückwärts „Leben“. Und das bilden die Tänzer schonungslos ab: Auf der einen Seite introvertierte Menschen, die eine Existenz fristen, nicht die volle Pracht des Lebens genießen – ein Schattenleben im Dunst des Nebels. Andererseits erschlägt den Zuschauer Lebensfreude, aber das ist nur eine auf Leinwand gebannte Video-Projektion. Die Darsteller verleihen dem „Himmel-hoch-jauchzend-zu-Tode-betrübt“ ein Gefühl.
Nackte Füße rollen über die Eisenstangen. Ein lautes Scheppern. Das stört die Tänzer nicht. Ihr Geist ist versunken in das Spiel auf der Suche nach Balance, körperlicher und innerer Ausgeglichenheit – ein repetitives Moment des Stückes.
Das Geräusch, wenn Metall auf Metall trifft, wird von einem Klirren zerspringenden Glases unterbrochen. In einem Sandkasten schlägt eine junge Tänzerin mit einem Hammer auf Glas und Keramik. Währenddessen fegt ihr Partner mit einem Besen den Boden. Kehrt er die Scherben der Beziehung zusammen?
Der tänzerische Funke springt über: So auch, als eine junge Darstellerin mutterseelenallein auf dem kühlen, schieferfarbigen Steinboden hockt, im Arm hält sie ihre Puppe, die Begleiterin all ihrer Lebensstationen. Gemeinsam blättern sie durch die Seiten eines Fotoalbums – eine Retrospektive des gelebten Lebens.
Und jeder weiß genau, dass der Mensch jederzeit ins Dunkle stürzen kann – in ein Leben voll Nebel, dessen Notausgang nur das Licht sein kann.




