Ein Auto für die modische Frau - auch das sollte der kleine Charmeur Renault R5 sein. Foto: Renault
Ein Auto für die modische Frau - auch das sollte der kleine Charmeur Renault R5 sein. Foto: Renault

Ein Auto für die modische Frau - auch das sollte der kleine Charmeur Renault R5 sein. Foto: Renault

Zum Themendienst-Bericht von Thomas Geiger vom 4. Dezember: Freund der Familie: Zum Einkaufen konnte Mama im kleinen Renault R5 problemlos ihre ganze Rasselbande mitnehmen.(Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei. Das Bild darf nur in Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei Nennung der Bildquelle verwendet werden.) Foto: Renault

Blechschaukel: Bei flotter Fahrt gerät der kleine Franzose in Kurven leicht ins Wanken. Foto: Thomas Geiger

Große Klappe - und vergleichsweise viel dahinter: Bei umgeklappter Rückbank fasst der R5-Kofferraum 900 Liter. Foto: Thomas Geiger

«Unter Europas Kleinwagen zweifellos der größte» - so feierte bei der Markteinführung eine deutsche Autozeitschrift den Renault R5 nicht zuletzt wegen seines vergleichsweise üppigen Platzangebots. Foto: Thomas Geiger

Das Ersatzrad steckt beim Renault R5 unter der Motorhaube. Foto: Thomas Geiger

Die simple Technik zählte zu den Tugenden des Renault R5: Er ließ sich einfach und billig reparieren. Foto: Renault

dpa, Bild 1 von 7

Ein Auto für die modische Frau - auch das sollte der kleine Charmeur Renault R5 sein. Foto: Renault

Paris/Brühl (dpa/tmn) - In den 70ern war er einsamer Kleinwagen unter großen Benzinkutschen und wurde ein großer Erfolg: Mit dem R5 schlug Renault ein neues Kapitel in der Autogeschichte auf. Unzählige Male wurde der Franzose gebaut, doch heute macht er sich rar.

Das Motto der Französischen Revolution lautete Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Menschen wie Markus Goris verbinden damit aber eher Schlagworte wie Charme, Esprit und Variabilität. Denn der Renault-Sammler aus Rheinbach gibt wenig auf politische Umbrüche im ausgehenden 18. Jahrhundert. Er redet von der Revolution des Kleinwagens, die vor genau 40 Jahren ebenfalls in Frankreich begann: 1972 lief bei Renault der erste R5 vom Band.

Außen klein, innen groß, chic und charmant, preiswert zu kaufen und billig zu reparieren, nimmt er die Herzen der Großstädter im Sturm. Fast über Nacht wird der von den Werbern erst zum «Supercar» und später zum «kleinen Freund» gestempelte Zweitürer zu einem der erfolgreichsten Autos in Frankreich und läutet eine neue Kleinwagen-Ära ein, die in Deutschland noch lange auf sich warten lässt. Schließlich knattert dort noch immer der Käfer.

Der Erfolg ist dem kleinen Franzosen buchstäblich in die Wiege gelegt. Denn zum ersten Mal wird ein Auto quasi von Kunden mitentwickelt, zitiert Renault-Sprecher Thomas May-Englert aus den Archiven. Projektleiter Bernard Hanon fragt Käufer, was sie von ihrem Wunschauto erwarten. Unkonventionell soll er sein, sagen diese.

Auch bei der Konstruktion betreten die Franzosen laut May-Englert Neuland. Einen kleinen Motor, vorn montiert für den Frontantrieb, kennt man bei Kleinwagen schon seit dem Mini und dem R5-Vorgänger R4. Aber die Kunststoffstoßfänger zum Beispiel sind eine kleine Revolution. Sie sind widerstandsfähiger und billiger als die damals gängigen Blechplanken. Die senkrechten Rückleuchten schaffen Platz für eine breite wie tiefe Heckklappe, die das Laden erleichtert. Bei nur 3,51 Metern Länge bietet der R5 vier großzügig bemessene Plätze und schluckt mit umgeklappter Rückbank stattliche 900 Liter Gepäck.

Bei der Entwicklung orientiert sich Renault an einer breiten Käuferschicht. Denn Vorstandschef Pierre Dreyfus verlangt ein Auto, das junge Menschen ebenso wie kleine Familien, Zweitwagenbesitzer und vor allem Frauen anspricht. Er soll klein genug für den Großstadtverkehr sein, variabel genug für Großeinkauf und Wochenendtrip - und moderner und jugendlicher als der R4 aussehen.

Deshalb darf mit Michel Boué der jüngste Designer im Team ran. Er legt einen Entwurf vor, der auf Anhieb begeistert. «Der R5 war das erste Auto mit einem nahezu menschlichen Antlitz», sagt Sammler Goris mit Blick auf die Kulleraugen und den grinsenden Kühlergrill. Der R5 ist ein Charmeur, den man am liebsten knuddeln möchte. Kein Wunder, dass Renault mit der Produktion kaum nachkommt.

Trotzdem bringen die Franzosen den Wagen schon im Herbst 1972 nach Deutschland - und die Fachpresse ist voll des Lobes. «Der kleine Renault ist, was Raumausnutzung, Transportkapazität sowie seine Eignung als Stadt- und Einkaufswagen angeht, unter Europas Kleinwagen zweifellos der größte», schrieb etwa die Zeitschrift «Auto, Motor und Sport».

Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert: Noch immer wirkt der R5 geräumiger als die meisten modernen Kleinwagen - obwohl seine Ur-Enkel allesamt einen halben Meter länger sind. Der beige Kunststoff der Konsolen sieht auch nach 40 Jahren noch nach Science-Fiction aus und das Cockpit ist beeindruckend funktional.

Den Oldtimer treibt ein Vierzylinder an, der sich vorn unter der Haube unter einem Ersatzrad versteckt und mittlerweile etwas asthmatisch klingt. Aus einem Liter Hubraum schöpft er gerade mal 33 kW/45 PS und hat mit dem 900-Kilo-Wägelchen seine liebe Mühe.

Der kleine Franzose wankt so weich und knautschig durch die Kurven, dass eine Fahrt zur Zeitreise ins Frankreich der 70er Jahre wird. Wen interessiert da schon ein Sprintwert von 21,4 Sekunden auf 100 km/h? Und wer grämt sich, dass bei 135 km/h schon Schluss ist?

Die erste Generation des R5 baut Renault bis 1984 - am Ende sogar in einer um sechs Zentimeter gestreckten Version mit vier Türen. Dann kommt mit ähnlichem Design und neuer Technik die zweite Generation, die als Supercinq (Superfünf) verkauft wird und noch einmal zehn Jahre lang läuft. Dann ist Schluss.

Mittlerweile hat der Abschied etwas ziemlich endgültiges, sagt R5-Experte Goris. «Denn in Deutschland ist der kleine Freund verdammt rar geworden.» Wer erst heute auf den Geschmack kommt, muss lange suchen und weit fahren, bis er überhaupt noch einen Gebrauchten findet. «Außerhalb Frankreichs gibt es da kaum mehr Chancen.»

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