Anna Ketzscher (30) braucht als Schiffsplanerin im Hamburger Hafen Überblick und ein Händchen für Zahlen.

Anna Ketzscher
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Angelika Warmuth

Anna Ketzscher

Hamburg. Konzentriert blickt Anna Ketzscher an ihrem Arbeitsplatz auf ihre drei Monitore: Ladelisten, Schiffslängsschnitt und Containerschächte bauen sich vor ihr auf. Ketzscher jongliert mit einer Vielzahl von Programmen auf ihren Bildschirmen. Das Tagewerk der 30-Jährigen ist das Beladen von Containerschiffen in Hamburg. „Man muss viele Zahlen im Blick behalten und mit ihnen gut umgehen können“, sagt die Schiffsplanerin des Hafenbetreibers HHLA am Containerterminal „Tollerort“. Für sie kein Problem: „Ich mochte Mathe sehr gern.“

Ihre jüngste Aufgabe war die Beladung der „Evergreen Smile“, die eine Kapazität für 7000 Standardcontainer hat. Laderaum und Deck müssen so beladen werden, dass in einem nächsten Hafen wie Piräus die für Athen bestimmten Container einfach gelöscht werden können, ohne dass Boxen für einen noch späteren Hafen im Weg stehen. Was sich nach den Worten der Planerin leicht anhört und am Computer wie ein Spiel mit Farbplättchen wirkt, ist ein hochkomplexer, mit spezifischer Software unterlegter Logistikprozess.

„Wenn bei 2000 Containern eine Differenz von ein, zwei Boxen auftaucht, fangen Sie ganz schön an zu suchen.“

Anna Ketzscher

„Wenn bei 2000 Containern eine Differenz von ein, zwei Boxen auftaucht, fangen Sie ganz schön an zu suchen.“ Ketzscher erinnert sich gut daran, wie ungläubig sie beim ersten Blick auf die Monitore reagiert hat: „Geh mir wech – und das ist jetzt mein Handwerkszeug.“

Minutiös tüftelt die Schiffsplanerin die Beladungspläne aus, verschiebt Boxen am Bildschirm nach rechts und links, von vorn nach hinten, von unten nach oben. Schließlich muss auch deren Gewicht ausgewogen über das gesamte Schiff verteilt werden. Der Reeder hat Ketzscher mit einer Buchungsliste vorgegeben, welche Container mit dem jeweiligen Schiff in welche Häfen transportiert werden sollen.

 Vom Zentralplaner der Reederei erhält sie zudem den „General Stowage Plan“. Darin sieht sie, wo die zu löschenden Container stehen und welche Containerschächte (Bays) unter und über Deck neu beladen werden dürfen. Räumliches Vorstellungsvermögen zahlt sich aus. „Nur was in den Containern drin ist, weiß ich nicht“, erzählt Ketzscher. Über Gefahr- und Kühlgut ist sie wegen spezieller Stellanforderungen aber informiert.

„Da ich in der Spedition gelernt habe, war ich fast nur von Männern umgeben, die einen rauen Ton anschlagen können.“

 Zu Schulzeiten war Ketzschers Karriere so nicht absehbar. Nach dem Abitur lernte sie Speditionskauffrau, bewarb sich anschließend bei der HHLA – und kam zur Lkw-Abfertigung an den „Tollerort“. Nach knapp drei Jahren wechselte sie in die Projektarbeit und studierte nebenher Betriebswirtschaftslehre.

In ihrer Frühschicht arbeitet die Hamburgerin an den Plänen, dann übergibt sie „ihr Schiff“ an einen Kollegen. Rund um die Uhr läuft diese Arbeit. „Im Moment bin ich glücklich hier und möchte mich entspannt routinieren“, sagt die Frau selbstbewusst. Dass das Team im Großraum nur aus Männern besteht, stört sie nicht: „Da ich in der Spedition gelernt habe, war ich fast nur von Männern umgeben, die einen rauen Ton anschlagen können.“

Als die HHLA 2011 erstmals die Weiterbildung zum Schiffsplaner anbot, zögerte die gelernte Kauffrau nicht: „Der Containerumschlag auf der Wasserseite – das war faszinierend für mich. Die Landseite kannte ich ja nun schon gut.“ Es klappte für Ketzscher. Von gut 50 Bewerbern kam ein Fünftel in das Pilotprojekt, darunter drei Frauen – je eine für die drei HHLA-Containerterminals in Hamburg. Nach drei Monaten Theorie und einem drei viertel Jahr praktischer Einweisung hatte die Schiffsplanerin ihre neue Berufsbezeichnung. Stolz trägt sie diesen Titel auch auf ihrem Schutzhelm, den sie an Bord tragen muss.

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