Schauspielerin (und Tatort-Kommissarin) Sabine Postel.
Schauspielerin (und Tatort-Kommissarin) Sabine Postel.

Schauspielerin (und Tatort-Kommissarin) Sabine Postel.

Belegen Platz 5 bei der Wahl der beliebtesten Tatort-Kommissare: Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kriminalhauptkommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Bremen/RB, 8,05 Millionen.

dpa, Bild 1 von 2

Schauspielerin (und Tatort-Kommissarin) Sabine Postel.

Berlin. Sie ist die strenge Blonde aus dem hohen Norden: „Tatort“-Kommissarin Inga Lürsen gehört nicht zu den Ermittlertypen, die flotte Sprüche reißen und nach erfolgreicher Mörderjagd an der Frittenbude entspannen. Die Kommissarin aus Bremen ist vielmehr mit dem gebührenden Ernst bei der Sache, und das seit nunmehr 15 Jahren: Schauspielerin Sabine Postel gab im Dezember 1997 ihr Debüt als Inga Lürsen, am Sonntag zeigt das Erste den Jubiläumsfall „Tatort: Hochzeitsnacht“ - gemeinsam mit ihrem Assistenten Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) klärt Lürsen in ihrem 26. Einsatz den brutalen Raubüberfall auf eine Hochzeitsgesellschaft.

Frau Postel, sagen Sie mal selbst: Könnte die von Ihnen gespielte Kommissarin Inga Lürsen nicht manchmal etwas freundlicher sein?

Sabine Postel: Natürlich ist sie ein bisschen norddeutsch und sperrig. Friesisch herb, sage ich dazu immer. Sie ist ein sehr gerader Typ, sie sagt, was sie denkt, und sie eckt damit auch gerne an. Aber die Zuschauer mögen diese Figur inzwischen sehr gerne, was sich auch an den Einschaltquoten zeigt.

Und wieso kann Inga ihren Kollegen Stedefreund nicht leiden?

Postel: Mittlerweile kann sie ihn sehr gut leiden, das waren nur die Anfangsschwierigkeiten, die wir bewusst in den Drehbüchern hatten. Stedefreund war ein Karrierist und sehr unglücklich mit Ingas oft unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Mittlerweile hat er aber gemerkt, dass sie ein super Kumpel ist. Nur Ingas politisches Engagement, dieses Die-Welt-retten-wollen, kann er manchmal nicht ganz nachvollziehen.

Waren Sie in Ihrer Studentenzeit eigentlich auch so rebellisch wie Inga Lürsen, die in einer „Tatort“-Folge ja sogar mit ihren einstigen Kommilitonen einen Joint raucht?

Postel: In meiner Schauspielschulzeit habe ich mich natürlich auch berufen gefühlt, die Welt zu verändern, und war oft auf Demos. Ich habe neulich sogar meine alte Anti-Atomkraft-Plakette im Keller gefunden und wieder an einer Jacke befestigt.

Also steckt viel von Sabine Postel in der Figur Inga Lürsen?

Postel: Das muss auch so sein. Diese hohen Sympathiewerte, die Inga seit Jahren beim Publikum hat, schafft man nur, wenn man eine große Authentizität hat und die Leute das Gefühl haben: Da ist ein Mensch, der einer von ihnen sein könnte, mit dem sie mitleiden und mitfühlen können.

Wie sah damals eigentlich die Stellenbeschreibung von Radio Bremen aus? Darstellerin für Ex-68erin gesucht, die jetzt die Seiten gewechselt hat und zur Polizei gegangen ist?

Postel: Ich sage Ihnen was: Es gab gar keine Stellenbeschreibung. Ich war außer Konkurrenz, denn ich hatte zuvor die sehr erfolgreiche Serie „Nicht von schlechten Eltern“. Als die Redaktion von Radio Bremen dann beim „Tatort“ einsteigen wollte, und das mit einer Frau, kam der Sender kam auf mich zu und fragte, ob ich mir das vorstellen könnte. Ulrike Folkerts ermittelte damals ja als Kommissarin Lena Odenthal allein auf weiter Flur, und die Ulrike musste kerliger sein als jeder Mann, damit sie in dieser Männerdomäne eine Chance hatte. Ich sollte das feminine Gegenstück sein, mit weiblicher Intuition und möglichst ohne Waffe.

Und dann haben Sie gleich zugesagt?

Postel: Ehrlich gesagt konnte ich es mir zuerst nicht vorstellen. Irgendwie hatte ich mit der Polizei nichts am Hut, ich kam ja aus der auslaufenden 68er-Bewegung, wo die Polizei das Feindbild war. Dann hat mich der Sender auch noch zur Bundeswehr geschickt, wo ich unter dem Gefeixe der Soldaten Schießübungen gemacht habe, wobei ich im Nachhinein sagen muss: Ich habe gut getroffen. Aber es war mir so fremd, dass ich mir dachte: Wer will das sehen?

Sie haben die Rolle aber doch übernommen, und danach gab es eine richtige Schwemme von TV-Ermittlerinnen . . .

Postel: Ja, wir hatten da eine Vorreiterrolle. Wir Frauen hatten aber auch einen hohen Nachholbedarf, insofern habe ich mich über jede Kollegin gefreut. Wobei man aufpassen muss, dass es nicht inflationär wird - aber das gilt generell für das Genre Krimi, es gibt mittlerweile so viele, da sehe ich eine gewisse Gefahr, dass die Zuschauer das irgendwann nicht mehr sehen wollen.

Die neuen Ermittlerfiguren werden ja auch immer zugespitzter, damit der Zuschauer sie überhaupt noch auseinanderhalten kann . . .

Postel: Wir sind alle quotenabhängig, wir müssen uns alle positionieren. Zum Beispiel haben die Kollegen vom Münsteraner „Tatort“ ihre Schiene gefunden, indem sie Geschichten erzählen, die gar nicht unbedingt realistisch sind, aber einfach lustig. Ich liebe die sehr. Wir vom „Tatort“ in Bremen möchten möglichst realistische Geschichten erzählen und das Format auch mal nutzen, um Stoffe unterzubringen, die man sonst vielleicht nicht so erzählen würde.

Da gab es in den bisherigen Fällen einige Beispiele.

Postel: Etwa jeder zweite unserer Krimis ist so ein brisantes Teil, das ist unsere Marke. Ich denke an die Folge „Schatten“, in der wir die RAF-Auswirkungen aufgearbeitet haben, oder an den Fall mit den Boatpeople. Wir hatten Geschichten über die Schäden durch Handystrahlen oder über Zwangsheirat und Ehrenmord. Wir nehmen gerne gesellschaftskritisch brisante Themen, um uns abzusetzen von anderen, die mehr private Geschichten erzählen. Wie gesagt: Jeder muss seine Nische finden.

Verzichten die Bremer „Tatorte“ deshalb weitgehend auf Späße und Running Gags?

Postel: Da treffen Sie genau in meine Wunde, ich hätte in den Filmen gerne etwas mehr Humor, diesen englischen Humor, den ich auch privat sehr mag. In makaberen oder sogar schrecklichen Situationen kann man sich damit retten: Man macht eine trockene Bemerkung, und der Zuschauer kann befreit mitlachen. Das schaffen unsere deutschen Autoren noch nicht so recht.

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