Das Gespräch führte Olaf Kupfer
China und andere Mächte prägen die Weltordnung der Zukunft, sagt Trendforscher Matthias Horx.
Trendforscher Matthias Horx
Klaus Vyhnalek, Bild 1 von 2
Trendforscher Matthias Horx
Düsseldorf. Herr Horx, was macht Ihnen selbst am meisten Angst, wenn Sie sich mit der Zukunft beschäftigen?
Horx: Die Bereitschaft der Menschen, an Blödsinn zu glauben. Historische Erfahrungen zeigen, dass Zivilisationen nicht an Krisen scheitern, auch nicht an Rohstoffmangel oder Bevölkerungswachstum, sondern an Mangel an Mut und Besonnenheit. Die größte Gefahr für die Zukunft sind Hysterien, die dann politisch-populistisch missbraucht werden. So stellt man den Untergang, den man fürchtet, quasi selbst her.
Warum haben die Menschen Angst vor der Zukunft?
Horx: Das liegt in unserer Natur. Unsere Ur-Vorfahren sind in einer sehr ungewissen, gefährlichen Umwelt aufgewachsen. Wir sind die Nachfahren der Nervösen, die ständig von Säbelzahntigern träumten. Heute sehen wir ständig Säbelzahntiger, wo gar keine sind.
Was ist das Problem dabei?
03.03. So wohnen wir
05.03. Deutschland wird alt
06.03. Autos der Zukunft
07.03. Zukunftsforschung
08.03. Kampf gegen Kriminalität
09.03. Freizeitgestaltung
10.03. Mode der Zukunft
12.03. Arztbesuche
13.03. Medienkonsum
14.03. Bildung und Lernen
15.03. Kultur
16.03. Stadtentwicklung
17.03. Ernährung
19.03. Arbeit und Jobs
20.03. Reisen ins All
21.03. Wohnmodelle
22.03. Bezahlen ohne Geld
23.03. Woran wir glauben
24.03. Freundschaften
26.03. Medizin und Technik
27.03. Wirtschaft und Energie
28.03. Wie wir uns informieren
29.03. So werden wir regiert
30.03. Grenzen des Internets
31.03. Zukunft in der Literatur
Horx: Das führt zu einer Realitätsverzerrung: Wir können gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir heute in sehr bequemen, sehr sicheren Höhlen sitzen.
Wird der immer höhere Bildungsstandard diese Angst verdrängen?
Horx: Als meine Kinder in den Kindergarten gingen, kamen sie verängstigt nach Hause, weil ihnen die Pädagogen erzählten, das Essen und das Wasser sei vergiftet und überall würden bald Atomkraftwerke explodieren. Der Bildungssektor ist ein Spiegel der Gesellschaft.
Auf welche gesellschaftliche Veränderungen, die auf uns zukommen werden, freuen Sie sich, weil Sie Ihrer Meinung nach überfällig sind?
Horx: Ich finde es zum Beispiel sehr positiv, dass sich die Rolle der Frauen geändert hat, und weiter verändert. Ich kann mir vorstellen, dass sich der Vormarsch der Frauen positiv auf die gesellschaftlichen Entwicklungen auswirkt, von der Umwelt bis zu den Kriegen.
Und weitere Veränderungen?
Horx: Ich bin auch gespannt auf ein neues Bildungssystem, in dem nicht mehr massenhaft „Ausbildung“ produziert, sondern individuelles Talent gefördert wird. All diese Entwicklungen liegen eigentlich nicht in der Zukunft, wir stecken mitten drin. Nur nehmen wir sie gar nicht wahr, weil wir immer nur auf das starren, was eben noch nicht besser wird.
Ihr Buch heißt „Das Megatrend-Prinzip“. Was sind die Megatrends der Zukunft?
Horx: Die Globalisierung geht jetzt in eine völlig neue Phase. 200 Jahre hat der Westen die Welt regiert. In den nächsten Jahrzehnten entwickelt sich eine Weltordnung, die von China, Indien und anderen neuen Großmächten geprägt ist. Damit verlieren wir unser Wohlstandsprivileg, aber es bedeutet auch, dass Milliarden von Menschen jene Chance auf dauerhaften Wohlstand haben, den wir schon seit einem halben Jahrhundert genießen können. Und es zwingt auch uns zu Verhaltensänderungen.
„Kunden und Konsumenten sind auf eine nie gekannte Weise kompetent. Sie sind eben keine passiven ,Verbraucher’ mehr.“
Welche Verhaltensänderungen beispielsweise?
Horx: Wenn alle diese Menschen Autos mit 150 PS fahren wollen, müssen wir alle ganz anders Auto fahren, beziehungsweise mobil sein. Ob es dabei um Verzicht, Verlust, oder intelligentere Lösungen gehen wird, das ist die entscheidende Zukunfts-Frage.
Auf welchem gesellschaftlichen Feld wird der Mensch die größte Veränderung vollziehen müssen?
Horx: Im Kommunikations- und Informationsverhalten müssen wir noch eine Menge lernen. Etwa das Wichtige vom Unwichtigen, das Echte vom Gefälschten zu unterscheiden. Das soziale Internet fordert uns dazu heraus, unsere Bindungsformen, Freundeskreise und Kooperations-Netzwerke auf einer neuen Stufe zu erlernen. Auch die Wirtschaft muss sich neu erfinden, Kunden und Konsumenten sind auf eine nie gekannte Weise kompetent. Sie sind eben keine passiven „Verbraucher“ mehr.
Gibt es auch einen Bereich, dessen Wesen sich nicht verändern wird?
Horx: Liebe, Kinder, Tod, Genuss, Mobilität sind Konstanten in unserem Leben.
Depression und Überforderung – alles gegenwärtige Seelenprobleme der Menschheit. Werden die in der Zukunft ob der Komplexität unserer Gesellschaft zunehmen?
Horx: Die genannten Phänomene sind medial-kollektive Konstruktionen. Gab es früher weniger Depressionen? Waren die Menschen in der schweren Industriearbeit früherer Tage weniger ausgebrannt? In meiner Kindheit sind die höheren Angestellten kurz vor der Rente an Herzinfarkt gestorben, das nannte man „Managerkrankheit“. Es gab auch die „Hausfrauenkrankheit“, eine Mischung aus Überforderung und die Depression, an der Millionen Frauen litten.
Und was ist mit Burnout?
Horx: Burnout ist viel seltener als „Boreout“, also die Depression, die durch Monotonie und Unterforderung entsteht, in Jobs, die einfach nur langweilig und perspektivlos sind. Komplexität ist ein menschliches Grundbedürfnis, sie wird nur immer als Zumutung umgedeutet, weil wir dazu neigen, die Gegenwart für ganz außergewöhnlich anstrengend zu halten. Wir nennen das auch „Gegenwartseitelkeit“. Es schmeichelt uns einfach, in der dramatischsten aller Zeiten zu leben. Wir sind eben in vielerlei Hinsicht kurzsichtig.
Was machen Sie 2025?
Horx: Ich werde nach wie vor im Garten und im Geiste tätig sein. Ansonsten werde ich mich hüten, das heute festzulegen. Zukunft ist ja auch deshalb spannend, weil sie noch Überraschungen bieten kann.
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