Im Nachlass seines Vaters hat Torkel S. Wächter Karten aus Nazideutschland gefunden. Mit ihnen konnte er die Geschichte seiner Großeltern rekonstruieren.

Torkel S. Wächter hat für die Postkarten Deutsch gelernt.
Torkel S. Wächter hat für die Postkarten Deutsch gelernt.

Torkel S. Wächter hat für die Postkarten Deutsch gelernt.

privat

Torkel S. Wächter hat für die Postkarten Deutsch gelernt.

Düsseldorf. Als Torkel S. Wächter auf dem Dachboden seines verstorbenen Vaters 32 Postkarten findet, verändert sich für den schwedischen Schriftsteller alles. Zwischen muffigen Kisten und vergilbten Unterlagen hält er einen Teil seiner Familiengeschichte in den Händen. Den Teil der Vergangenheit, der ihm bis dato immer verschwiegen wurde – das Schicksal seiner deutsch-jüdischen Großeltern in Nazideutschland. Sukzessive veröffentlicht Wächter – genau 70 Jahre, nachdem sie abgeschickt wurden – die Karten im Internet. Und arbeitet damit die eigene Familiengeschichte auf.

Nach seiner Flucht hat der Vater sich einen schwedischen Namen gegeben

„Die Geschichte meines Vaters war immer ein Geheimnis. Als Kind wusste ich, dass da irgendetwas ist. Ich wusste aber auch, dass ich nicht nachfragen durfte“, sagt Wächter. So hat er auch nicht sofort verstanden, dass es sich bei dem in den Postkarten angesprochenen Walter Wächter um seinen Vater handelt, denn den kannte er nur unter dem Vornamen Michaël. „Als mein Vater 1938 nach Schweden floh, hat er seinen Namen geändert und mit der Vergangenheit gebrochen“, sagt der 50-Jährige.

In jahrelanger Detektivarbeit hat Torkel S. Wächter anhand der Karten die Familiengeschichte rekonstruiert. Kein leichtes Unterfangen, denn die Karten waren alle auf deutsch-sütterlin geschrieben. Wächter musste Deutsch lernen. „Ich bin dann mehrmals nach Deutschland gereist und hatte schöne Begegnungen mit Menschen, die sich für die Geschichte interessierten“, erzählt der Schriftsteller. Erst daraufhin hat er entschieden, die Postkarten zu veröffentlichen. „Ich, als Teil der Enkelgeneration, habe so die Chance, das Trauma des Zweiten Weltkriegs der heutigen Generation nahe zu bringen.“

Die Postkarten berichten von Sehnsucht und Angst

Über ganz Alltägliches, wie einen verstauchten Arm, aber auch über die Sehnsucht nach den Verwandten und die Angst vor der Zukunft berichten die Großeltern auf den Karten nach Schweden – fast normale Nachrichten, wären sie nicht mit Reichsadler und Hakenkreuzen versehen. Der geflohene Vater hat nach der 32. Postkarten nichts mehr von seinen Eltern gehört. Sie wurden von den Nazis ermordet.

Die Aufarbeitung der Geschichte berührt Wächter sehr

Wie sehr Wächter die Aufarbeitung der tragischen Geschichte berührt, merkt er in Deutschland. „Immer, wenn ich mit dem Zug unterwegs war, hatte ich ein ganz unangenehmes Gefühl. Ich musste an die Deportationszüge denken.“ Sein Verhältnis zu Deutschland ist mit den Jahren ein konstruktives geworden, sagt er. Mittlerweile gehen seine drei Kinder auf eine deutsche Schule in Stockholm und haben auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Von den insgesamt 32 Postkarten sind bisher 16 im Internet veröffentlicht. Dazu gibt es Erläuterungen und Fotos der Familie Wächter. Die Internetseite ist zweisprachig (Englisch und Deutsch) aufgebaut.

Seinen Dachboden-Fund will er nicht missen: „Manchmal erbt man etwas, was man eigentlich gar nicht haben will. Erst später merkt man, was es für ein wunderbarer Schatz ist. Doch mein Schatz bringt eben auch eine große Verantwortung mit sich.“

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