Der Regisseur setzt sich in dem Stück mit der Bankenwelt auseinander. Foto: Bernd Weißbrod
Der Regisseur setzt sich in dem Stück mit der Bankenwelt auseinander. Foto: Bernd Weißbrod

Der Regisseur setzt sich in dem Stück mit der Bankenwelt auseinander. Foto: Bernd Weißbrod

«Himbeerreich»: Geld und Gefühle stehen im Mittelpunkt. Foto: Bernd Weißbrod

Veiel versucht, die Menschen hinter dem Finanzsystem zu zeigen. Foto: Bernd Weißbrod

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Der Regisseur setzt sich in dem Stück mit der Bankenwelt auseinander. Foto: Bernd Weißbrod

Stuttgart (dpa) - Was passiert hinter den Kulissen der Finanzbranche? Wie treffen Investmentbanker Milliarden-Entscheidungen? Der Regisseur Andres Veiel ist solchen Fragen für ein Theaterstück nachgegangen. «Das Himbeerreich» feierte in Stuttgart Uraufführung.

Sie hatten eine schwere Kindheit, keine Ahnung oder suchten einfach nur den Kick: Die Menschen hinter der Finanzkrise hatten ganz unterschiedliche Gründe für ihre Zockereien. Doch eines haben alle gemeinsam: Teure Autos und Boni haben sie nicht glücklich gemacht.

So zumindest zeigt es Filmemacher und Regisseur Andres Veiel («Wer wenn nicht wir») in seinem Theaterprojekt «Das Himbeerreich». Und Veiel muss es wissen, denn zwei Dutzend ehemalige und aktive Top-Banker haben ihm für das Stück ihre Geheimnisse anvertraut. Am Freitagabend wurde es im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt. Es entstand in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, wo es am 16. Januar erstmals gezeigt wird.

Auf die Bühne wagen sich Veiels Gesprächspartner nicht - sie werden dort in Form von fünf Investmentbankern und einem Vorstandsfahrer verkörpert. Die Aussagen sind aber real, wie Veiel betont. Die einzige Frau in dem Stück gesteht: «Wir müssen permanent Entscheidungen treffen in einem Bereich, den niemand wirklich durchdringt.»

Warum sich Menschen so etwas antun? «Wenn das aufgeht, sind Sie mit sich und der Welt im Reinen, das ist beflügelnd, weil es einen leichter macht - wie ein Torpedo, der gezündet wird», erklärt die Bankerin. Inzwischen muss sie regelmäßig zum Psychologen.

«Alle sind berauscht», berichtet auch ihr Kollege. Gleichzeitig ahnt er: «Beim ersten Unwetter steht hier alles unter Wasser.» Denn auf den Rausch des schnellen Geldes folgt nicht selten der Absturz.

Das Auf und Ab der Gefühle, das Steigen und Fallen der Kurse und der persönliche Fall des Einzelnen - im Stück wird das nicht zuletzt durch das ständige Auf und Ab der gläsernen Fahrstühle impliziert, die auf der Bank-Etage halten.

Immer wieder spricht eine gespenstisch verzerrte Stimme in einer Art Rückblende Details aus der Kindheit der Banker ein. Demütigungen, Gewalterfahrungen, Traumata der Eltern - auch das verbirgt sich hinter der Fassade von teuren Anzügen und gepanzerten Limousinen.

Mit dem «Himbeerreich» - eine Umschreibung für die Annehmlichkeiten vieler Banker - will Veiel keineswegs gewissenlose Zocker vorführen, wie er betont. Vielmehr interessieren ihn die Strukturen des Finanzsystems und die Menschen dahinter. Kein leichter, aber ein hochaktueller Stoff für die Bühne.

Tatsächlich sind die monologischen Aussagen, die im Stück zu einer Art Dialog verschmelzen, nicht immer einfach nachzuvollziehen. Und so herrscht im Publikum vor allem eines: Stille. Kein Rascheln, kein Knistern, kein Husten. Volle Konzentration. Nicht umsonst liegt ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der Branche bei.

Indem Veiel die Aussagen der realen Personen sechs fiktiven Figuren zuordnet, gelingt es ihm jedoch, der Bankenkrise ein Gesicht zu geben. Dadurch schafft er es nicht nur, Einblick in die Strukturen des Finanzwesens zu geben, sondern auch die Beweggründe der Menschen dahinter abzubilden.

«Die erste Assoziation ist Gier. Aber ich glaube, dass es das nicht trifft, dass es um Anerkennungsverhältnisse geht und den Kick», erklärt Veiel.

Zugleich macht er deutlich, dass Banken selbst bei riskanten Geschäften nur eine geringe Fallhöhe haben, sofern sie groß genug sind. «Die Höhe der Verluste war für uns nicht entscheidend, weil klar war, dass wir staatliche Bürgschaften bekommen würden», sagt einer der Banker. «Sind ja alles nur Steuergelder.»

Leichter treffen sie Milliarden-Entscheidungen dadurch nicht unbedingt. «Ich habe mich in diesen Verhandlungen sehr unwohl gefühlt», gesteht einer. Er stelle sich dann stets die Stimme seiner Mutter vor. «Dann halte ich die Situation besser durch.»

Die Schuld an der Finanzkrise geben die Banker sich allerdings nicht. Zumindest nicht allein: «Wir führen aus, was unsere Kunden wollen», sagt die Investmentbankerin. «Wer auf uns zeigt, meint sich selbst.»

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