Devid Striesow über seine Rolle als unkonventioneller „Tatort“-Kommissar: Er wollte, dass der Ermittler mit Yoga entspannt.

Devid Striesow: „Ich habe kein Mitgefühl mit meinen Figuren.“
Devid Striesow: „Ich habe kein Mitgefühl mit meinen Figuren.“

Devid Striesow: „Ich habe kein Mitgefühl mit meinen Figuren.“

dpa

Devid Striesow: „Ich habe kein Mitgefühl mit meinen Figuren.“

Berlin. Devid Striesow (39) vollbringt seit Jahren ein Kunststück. Er ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler in Deutschland und bleibt einer der besten. Er spielt in aller Zurückhaltung so gut, dass er sich nicht abnutzt – ob sieben Jahre lang als Assistent in der ZDF-Krimireihe „Bella Block“, als Kleinunternehmer in „Lichter“ (2003), als jovialer SS-Mann im oscar-prämierten Film „Die Fälscher“ (2007) oder als unfreiwilliger Sterbehelfer im ARD-Film „Blaubeerblau“ (2011). Am Sonntag ist er erstmals als saarländischer „Tatort“-Kommissar in der ARD zu sehen.

Herr Striesow, Ihr Kommissar Jens Stellbrink tritt auf in Friesennerz, Shorts und Gummistiefeln – schon ein ziemlicher Freak.

Devid Striesow: Ich würde es mal unkonventionell nennen.

Das Unkonventionelle deutscher Fernsehkommissare ist aber mittlerweile so konventionell, dass man sich stinknormale Ermittler wie Hansjörg Felmy wünscht, dessen einzige Marotte es war, Buletten zu mögen.

Striesow: Dann müsste man über eine neue Besetzung nachdenken, denn den Felmy zu spielen, das ist einfach nicht meine Intention. Mir geht es generell selten darum, eine Figur besonders exaltiert zu gestalten, sondern die zwei Seiten zu zeigen, die in jedem von uns stecken: die Abgründe am Sympathieträger und die netten Seiten am Bösewicht.

Devid Striesow, geb. am 1. Okt. 1973 auf Rügen, hatte sein erstes Bühnen-Engagement in Düsseldorf. Heute lebt er in Berlin. Er hat vier Kinder: einen Sohn (15) mit der Schauspielerin Maria Simon, zwei kleine Kinder mit seiner aus Kamerun stammenden Frau Francine, die eine siebenjährige Tochter mitbrachte.

In Striesows „Tatort“-Premiere „Melinda“ (ARD, So. 20.15 Uhr) stößt Kommissar Stellbrink im Baumarkt auf ein arabisches Mädchen und sucht dessen Eltern.

Was haben Sie gesagt, als Ihnen der Saarländische Rundfunk die Rolle anbot: Hurra oder Hilfe?

Striesow: Man sagt erst mal: ‚Aha?!‘ Nach eingehender Prüfung – genau zwei Monate Lebenszeit – habe ich erst abgesagt, aber schnell wieder zu.

Woher der Sinneswandel?

Striesow: Zum einen bin ich der Verlockung erlegen, wie toll es werden kann, wenn alles funktioniert. Zum anderen, weil ich einfach unglaublich gern spiele.

Arbeiten Sie nicht pausenlos?

Striesow: Ich bin ruhiger geworden. Mit fast 40 Jahren, Frau und vier Kindern muss man sich dringend Freiräume schaffen.

Sie wohnen also nicht mehr mit Ihrem Bruder zusammen?

Striesow: Nein, leider nicht, dafür ist meine Familie einfach zu groß geworden. Ich bin ja vor sieben Monaten innerhalb von drei Tagen zweimal Vater geworden.

Das ist biologisch bemerkenswert.

Striesow: Gar nicht, eine Tochter meiner Frau ist aus Afrika nachgekommen, die ist sieben Jahre alt. Und zwei Tage später kam unsere Lütte zur Welt.

Sie gelten als außerordentlich unruhiger Mensch. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Striesow: Ich bin mittlerweile zentriert genug, um vernünftig zu arbeiten. Es ist für alle Schauspieler die große Herausforderung, mit jeder Klappe 3000 Umdrehungen hochzutouren und nach der Szene sofort wieder runterzukommen. Wenn man den ganzen Tag in solchen Sinuskurven arbeitet, ist jeder am Ende bis zum Äußersten erschöpft. Da habe ich über die Jahre gelernt, meine Energie richtig einzuteilen.

Wie denn?

Striesow: Da wären wir bei meinem „Tatort“-Kommissar: unter anderem mit Yoga. Es war meine Idee, ihn das auch machen zu lassen, also einen Charakter zu kreieren, der ständig unterwegs ist und deshalb immer mal bei sich selbst ankommen muss. Bei solchen Übungen atmet man tief durch und geht danach gelassener in den Tag. So was erdet Jens Stellbrink ebenso wie mich selbst.

Lassen Sie alle Ihre Figuren so nah an sich ran?

Striesow: Nein, ganz gewiss nicht. Ich gehe an meine Figuren eher emotionslos ran, rein technisch. Ich behandle sie wie Objekte, denen ich mich für eine bestimmte Zeit widme. Da gibt es kein Verschmelzen, nicht mal Sympathie oder Mitgefühl, geschweige denn Abneigung. Eine Rolle ist für mich eine Rolle, in die ich reinschlüpfe und wieder raus.

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