Während die Baustelle des neuen Großflughafens im märkischen Sand versinkt, blüht Tegel, der betagte Hauptstadt-Airport, noch einmal auf.

Berlin. Dafür, dass Berlin verkehrstechnisch angeblich kurz vor dem Untergang steht, hupt und brummt es in der Stadt ziemlich laut. Den größten Krach macht der Flughafen Tegel. Ja, Berlin hat auch einen Hauptstadtflughafen, der in Betrieb ist. Und zwar in Hochbetrieb. Internationales Kürzel: TXL.

Donnernd heben die Flieger ab; die nächsten gehen nach Stockholm, Dubai und Köln-Bonn, verrät die Anzeigetafel. Geschäftsleute eilen zum Schalter. Einer schleift seinen Rollkoffer hinter sich her wie einen lauffaulen Hund. Besser gelaunt sind da die jungen Leute, die von Tegel aus in den Skiurlaub starten. Flughafen-Chaos in der deutschen Hauptstadt – war da was?

Auch ohne den Neuen kommen die Menschen ganz gut vom Fleck

Das Desaster um den neuen Hauptstadtflughafen BER erschüttert die Politik und beschäftigt die Medien. Viermal ist die Eröffnung schon geplatzt. Aber die Menschen scheinen auch ohne BER ganz gut vom Fleck zu kommen – sei es in die Ferien oder zum nächsten Geschäftstermin.

Es gibt ja noch Tegel. Eigentlich sollte der betagte Airport längst geschlossen sein. Aber wegen der BER-Turbulenzen erlebt die „alte Lady“, wie es jemand im Terminal nostalgisch formuliert, eine Renaissance. Und was für eine. Der nach dem Luftfahrtpionier Otto Lilienthal benannte Flughafen wurde einst für gut sechs Millionen Reisende im Jahr gebaut, zu Zeiten des Kalten Krieges. Heute boomt Berlin, aus aller Welt kommen Touristen. Und Tegel platzt aus den Nähten. 2012 wurden rund 18 Millionen Passagiere abgefertigt.

Das Ehepaar Kluke ist dem Flughafen regelrecht verfallen

Die Klukes aus dem Stadtbezirk Reinickendorf sind Tegel-Fans. Einmal im Monat besucht das Ehepaar das sechseckige Hauptterminal, klettert in einem der Treppentürme auf den Aussichtspunkt und beobachtet die startenden und landenden Jets. „Tegel hustet“, drückt Andreas Kluke es poetisch aus und meint damit die gefühlte Kapazitätsgrenze. Manchmal stauten sich acht, neun Flieger vor der Startbahn. „Dann ist es knüppeldicke voll.“ Manchmal ist aber auch nicht so viel los. „Es liegt an den Zeiten“, erklären die Klukes. Am Schalter der offiziellen Airport-Information wird das bestätigt. Und wann war das letzte Mal so richtig Chaos? Daran kann sich die Frau von der Information kaum erinnern – „vielleicht beim Eisregen im vergangenen Jahr. Jeder empfindet da eben auch anders.“

Der Skandal? Die Explosion der Kosten

Fatal ist die Kostenexplosion, die mit den Pannen am neuen Hauptstadtflughafen verbunden ist. Das Projekt wird nach jüngster Kalkulation mindestens 4,3 Milliarden Euro verschlingen, mehr als doppelt so viel wie anfangs angenommen. Gleichzeitig stöhnen die Berliner Bezirke unter notorischem Sparzwang. Für Schulen, Schwimmbäder und soziale Projekte steht immer weniger Geld zur Verfügung. „Das ist der eigentliche Skandal“, sagt Christian Ströbele. Der Grünen-Politiker, der stets mit dem Fahrrad zum Bundestag fährt, steht heute ausnahmsweise an einem Schalter im Airport Tegel. „Ich fliege ganz selten“, sagt Ströbele. Im Gegensatz zu seiner Frau. „Wenn Sie Durcheinander sehen wollen“, empfiehlt sie, „dann gehen Sie zum Ankunftsbereich.“ An der Gepäckausgabe habe sie neulich 45 Minuten auf ihre Koffer warten müssen.

Für das Gepäck zuständig ist in Tegel der Dienstleister Globeground. Die Mitarbeiter seien in den vergangenen Monaten „absolut an ihre Grenzen gegangen“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Und es sei davon auszugehen, dass die Dauerbelastung noch größer werde. „Da können wir die Passagiere nur um Verständnis bitten.“

Mit 25 Millionen Fluggästen einen neuen Rekord aufgestellt

Für 2012 meldete die Flughafengesellschaft jetzt einen neuen Rekord: Erstmals seien mehr als 25 Millionen Fluggäste in Schönefeld und Tegel abgefertigt worden; das Gros der Flüge wird über Tegel abgewickelt.

Vielleicht sollte Globeground mehr Personal einstellen. Näher will sich die Unternehmenssprecherin zur gegenwärtigen Situation aber nicht äußern – „aus unternehmerisch-politischen Gründen“. Auf unternehmerisch-politischer Ebene sind in Berlin derzeit viele sensibel. Deshalb wollen im Zusammenhang mit dem Flughafen-Desaster die meisten auch ihren Namen nicht nennen. Weder die Globeground-Sprecherin noch die Schichtleiterin an der Airport-Information noch die Reisebüro-Angestellte.

Den unangenehmsten Job in Tegel hat vielleicht die Klofrau. Sie muss im Keller des Flughafens Toiletten aus dem vergangenen Jahrhundert in Schuss halten. Piekfein ist dagegen ein paar Etagen höher das Restaurant „Red Baron“. Hier kann, wer möchte, Hirschkalbsrücken für 27,90 Euro bestellen. Die Preise der Flughafen-Gastronomie sind bereits in der Gegenwart angekommen.

Was kostet es, Tegel für die Zukunft fit zu machen?

Den Flughafen Tegel rundum zukunftsfit zu machen, wird viel Geld kosten. Aber weil derzeit niemand weiß, wann der neue Hauptstadtflughafen BER eröffnet werden kann, haben sich die Berliner Landespolitiker Bemerkenswertes einfallen lassen. Sie wollen den Tegeler Airport sanieren. Das kündigte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) an. Zurzeit prüfe eine Koordinierungsrunde, ob es für einen längeren Flugbetrieb in Tegel bauliche Veränderungen geben müsse, zum Beispiel bei der Gepäckabfertigung oder bei den sanitären Anlagen.

Die Klukes aus Reinickendorf würde es freuen, wenn der Flughafen Tegel noch ein paar Jahre existierte. So lange können sie sich die Flieger in der Nachbarschaft anschauen. Ab Mai soll es auch eine Direktverbindung nach Chicago geben. Alexandra Kluke freut sich auf die Langstreckenjets: „Das fasziniert mich“, sagt sie mit beinahe kindlicher Begeisterung.

Das Milliardengrab BER scheint in diesem Augenblick weit weg. Vielleicht wird die Baustelle irgendwann im märkischen Sand versinken; manche sprechen schon von Abriss. Tegel dagegen wird weiter wachsen – Berlins alter, neuer Hauptstadtflughafen. In Souvenirläden gibt es jetzt Postkarten zu kaufen mit dem Schriftzug „I love TXL“ (Ich liebe Tegel).

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