Nach 163 Jahren endet in Indien die Ära der Eildepesche. In Deutschland ist sie noch in Gebrauch.

Er sortierte am Sonntag seine letzten Telegramme. Apurba Chakraborty arbeitet ab Montag in einer anderen Abteilung der staatlichen Telefongesellschaft BSNL in Kalkutta.
Er sortierte am Sonntag seine letzten Telegramme. Apurba Chakraborty arbeitet ab Montag in einer anderen Abteilung der staatlichen Telefongesellschaft BSNL in Kalkutta.

Er sortierte am Sonntag seine letzten Telegramme. Apurba Chakraborty arbeitet ab Montag in einer anderen Abteilung der staatlichen Telefongesellschaft BSNL in Kalkutta.

Piyal Adhikary

Er sortierte am Sonntag seine letzten Telegramme. Apurba Chakraborty arbeitet ab Montag in einer anderen Abteilung der staatlichen Telefongesellschaft BSNL in Kalkutta.

Neu-Delhi. Das in Indien wohl am häufigsten verschickte Telegramm lautet: „Vater krank STOP Komm schnell“. Wer damit zum Vorgesetzten ging, konnte sicher sein, ungeplanten Urlaub zu bekommen. Sogar, wenn es mehrfach vorkam. Denn die mit der Maschine eingehackten Großbuchstaben strahlten Autorität aus – gerade in Indien, wo die Liebe zu bürokratischem Papier und Hierarchien besonders ausgeprägt ist.

Auch Neuigkeiten über Geburten, Todesfälle und Gratulationen rasten tausende Kilometer über den riesigen Subkontinent – bis heute. „Wenn das kleine rechteckige Papier zugestellt wurde, wusste man nie, ob die Neuigkeit gut oder schlecht war. Aber man wusste, es muss etwas Wichtiges sein, das unmittelbare Aufmerksamkeit einforderte“, schrieb Kolumnist Jug Suraiya in der Zeitung „India Today“.

Besonders bei Verwaltungen und Soldaten ist das Telegramm beliebt

Nun ist das Ende der Papierstreifen gekommen. Nach 163 Jahren stellt die staatliche Telekommunikationsgesellschaft BSNL am Montag ihren Dienst ein. „Mit SMS, Faxen und E-Mails hat der Telegramm-Service seine Relevanz verloren“, sagt ein BSNL-Sprecher. Während vor Jahrzehnten täglich noch Hunderttausende Depeschen verschickt worden waren, waren es einem Medienbericht zufolge zuletzt etwa 5000. Der Dienst trage sich finanziell nicht mehr, schon seit vielen Jahren habe er Millionenverluste eingefahren.

In den meisten anderen Ländern der Welt sind Telegramm-Dienste für die Bevölkerung längst abgeschafft. In Indien nutzten die altertümliche Nachrichtenform zuletzt vor allem noch Verwaltungen sowie Soldaten, die aus abgelegenen Regionen des Landes mit ihren Familien kommunizierten. Gewerkschaften setzten sich in den vergangenen Wochen für den Erhalt zumindest eines Notdienstes ein, schon aus Denkmalgründen – vergeblich. Die rund 1000 Mitarbeiter der Telegrafenämter sollen nun in den Telefon- und Internetabteilungen unterkommen.

Junge Inder schicken heutzutage lieber SMS und E-Mails

Das erste Telegramm auf dem Subkontinent war bereits am 5. November 1850 verschickt worden, zwischen Kolkata, damals noch Calcutta, und Diamond Harbour etwa 50 Kilometer südlich davon. Drei Jahre später führten die Masten schon in fast alle großen Städte des Landes. 1854 fiel das Monopol der Ostindien Company und der Dienst stand allen Indern offen.

„Das Telegramm lebt – es gibt keine Überlegungen, das Produkt einzustellen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Post über das Telegramm. Bei den Fernschreiben handle es sich um „eine sinnvolle Ergänzung unserer Produkte“.

Zur Anzahl der jährlich verschickten Telegramme macht die Post „grundsätzlich“ keine Angaben.

Die Deutsche Post bietet im Jahr 2013 Telegramme in verschiedenen Varianten mit zehn bis 30 Wörtern an – ohne oder mit Schmuckblatt. Die Preise reichen von 15,20 Euro bis 22,55 Euro. Die Schreiben werden immer am Folgetag dem Empfänger persönlich zugestellt. An Sonn- und Feiertagen kostet dies allerdings einen Aufschlag von 10,50 Euro.

160 Jahre später können junge Inder mit dem Telegramm nicht mehr viel anfangen. „Ich habe das ein paarmal benutzt, aber nur für Schulprojekte“, sagt der 30 Jahre alte Ravi Saxena. „Wer sollte ein Telegramm verschicken wollen, wenn er eine SMS vom Handy senden kann?“

Tot ist das Telegramm aber nicht: Für die internationale Kommunikation sollen einige Geräte erhalten bleiben. Das gilt übrigens auch für Deutschland: Der Bundespräsident etwa gratulierte Prinz William und seiner Frau Kate per Telegramm zur Hochzeit – das sei die übliche Form, hieß es aus dem Präsidialamt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte Japan so Hilfe zur Bewältigung der Tsunami-Katastrophe zu.

Ob allerdings alle Staatsoberhäupter und Regierungschefs auf diesem Weg ansprechbar sind, weiß auch der Sprecher der Internationalen Fernmeldeunion in Genf nicht. „Unsere Fernschreibe-Experten sind tatsächlich nun alle im Ruhestand“, gibt er zu.

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