NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann: „Inklusion ist anspruchsvoll, aber machbar.“
NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann: „Inklusion ist anspruchsvoll, aber machbar.“

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann: „Inklusion ist anspruchsvoll, aber machbar.“

Sergej Lepke

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann: „Inklusion ist anspruchsvoll, aber machbar.“

Düsseldorf. An den Hauptschulen wird gute Arbeit geleistet, sagt Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen, im Interview mit der WZ. Dennoch sieht sie kaum Chancen für die Schulform. Inklusion kommt später.

Frau Löhrmann, Sie haben die Einführung der Inklusion, also des Unterrichts von behinderten Kindern an Regelschulen, verschoben. Warum?

Löhrmann: Wir haben die Vorlage des Gesetzentwurfs verschoben, nicht die Inklusion. Wir bauen den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap weiter systematisch aus. In NRW können wir auf eine lange Tradition zurückblicken, schließlich werden bei uns schon seit 30 Jahren Kinder gemeinsam unterrichtet, das ist heute schon in jeder dritten Grundschule der Fall.

Wann wird das Gesetz greifen?

Löhrmann: Das beschließt das Parlament, aber ich will es so schnell wie möglich. Wir haben eine anspruchsvolle und breite Verbändebeteiligung durchgeführt, werten diese sorgfältig aus und werden dann einen Kabinettsbeschluss herbeiführen und den abgestimmten Gesetzentwurf der Landesregierung dem Landtag zuleiten.

Rund 6,5 Prozent aller Schüler haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. In absoluten Zahlen: Es sind 116 426 von 1,66 Millionen Schülern insgesamt. In der Primarstufe besuchen 28,5 Prozent der Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule, in der Sekundarstufe sind es lediglich 14 Prozent. Die übergroße Mehrheit besucht weiterhin die Förderschulen. Die meisten dieser Kinder gelten als lernbehindert (43 572 Jungen und Mädchen).

In einer Klasse können Kinder unterschiedlichster Behinderungen sein. Wie soll das funktionieren?

Löhrmann: Nach meiner festen Überzeugung ist das zwar anspruchsvoll, aber machbar. Dafür müssen wir die Lehrkräfte fortbilden und qualifizieren, so beginnen wir jetzt gerade mit einer Nachqualifizierung für 2500 Lehrkräfte zu Sonderpädagogen. Außerdem erweitern wir die Kapazitäten für Sonderpädagogik an den Hochschulen.

Die Kommunen verlangen eine komplette Übernahme der Kosten durch das Land. Ist das machbar?

Löhrmann: Die Kommunen müssten erstmal den Nachweis erbringen, dass tatsächlich Mehrkosten entstehen. Das ist bislang nicht geschehen, und ich sehe das auch nicht. Die Landesregierung ist, wie übrigens die bayrische Landesregierung auch, der Auffassung, dass die Inklusion nicht konnexitätsrelevant (nicht erstattbar; Anm. der Redaktion) ist. Bedauerlicherweise haben die Kommunalen Spitzenverbände die Bildung einer Arbeitsgruppe abgelehnt, um eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzunehmen.

„Der Trend spricht eine deutliche Sprache.“

Wird es künftig überhaupt noch Förderschulen geben?

Löhrmann: Ja, aber weniger als bisher. Entscheidend sind der Elternwille und der Bedarf. Es wird sicher weiter besondere Schulen etwa für Kinder mit Sinnesbeeinträchtigung wie Gehörlose und Blinde geben. Aber der Unterricht in der allgemeinen Schule soll der Regelfall werden – das ist ja auch vom Landtag so gewollt.

Für das neue Schuljahr haben die Kommunen Anträge für 53 Sekundarschulen gestellt. Ist dies das Aus für Haupt- und Realschulen?

Löhrmann: Es bleibt dabei: Wir verordnen die Sekundarschule nicht von oben. Es wird weiter Haupt- und Realschulen geben, aber deutlich weniger. Entscheidend sind auch hier der Elternwille und der Bedarf, die Kommunen treffen die Entscheidung. Der Trend spricht eine deutliche Sprache: Vor allem die Hauptschule wird trotz guter Arbeit immer weniger nachgefragt.

Es gibt Hauptschulen, die haben bei der Qualitätsanalyse des Landes hervorragend abgeschnitten und fürchten dennoch um ihre Zukunft. War das alles umsonst?

Löhrmann: Nein, im Gegenteil. Die neuen Schulformen müssen von den Stärken der bestehenden lernen. Und da haben die besten Hauptschulen, wie etwa die Hakemickeschule aus Olpe, jede Menge zu bieten. Zum Beispiel bei der individuellen Förderung oder der Berufsvorbereitung. Aber dennoch melden immer weniger Eltern ihre Kinder dort an. Auch die Schule in Olpe will jetzt Sekundarschule werden.

Rot-Grün hat als Modellversuch die sogenannten Primusschulen, also den gemeinsamen Unterricht von der Klasse 1 bis 10, vorgesehen. Wie sehr wird das nachgefragt, was steckt dahinter?

Löhrmann: Das ist ein Modellversuch, der ab dem Schuljahr 2014/2015 greifen kann. Dabei lernen die Kinder von der Klasse 1 bis zur Klasse 10 gemeinsam. Bis zu 15 Schulen können teilnehmen.

Sie kennen SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück noch aus NRW-Zeiten. Haben Sie die Grünen vor ihm gewarnt?

Löhrmann: Nein, wieso sollte ich? Ich persönlich bin mit ihm ganz gut klar gekommen. Daher weiß ich auch: Er ist hart im Nehmen und kann kämpfen.

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