Von Jan Filipzik
Auch Englisch hilft oft nicht weiter.
Peking live. Ohne Sprachkenntnisse ist der urlaubende Mitteleuropäer ziemlich aufgeschmissen. Da heißt es improvisieren.
Düsseldorf. Ohne Chinesisch-Kenntnisse einmal quer durch das Land des Lächelns. Das ist eine echte Herausforderung. Mit meinem Freund Stephan und zwei Rucksäcken führte die Reise vier Wochen lang von Peking über Shanghai und Macau bis nach Hongkong. Mal mit dem Bus, mal mit dem Zug – und fast immer verbunden mit der bangen Frage: Wie mache ich mich bloß verständlich?
33 Grad im Schatten und 25 Kilo im Rucksack
Mengen von Schweiß laufen mir über den Rücken und bildet Streifen an der Stelle, wo der Rucksack sitzt. Mein Körper ist nass, die 25 Kilo Gepäck drücken auf den Schultern und machen jeden Schritt zur Herausforderung. Fast höhnisch zeigt ein Thermometer an einer Hausfassade die Temperatur an: 33 Grad im Schatten.
Wenn wir wenigstens wüssten, wo genau in Peking wir sind. Doch seit uns der Rikscha-Fahrer an einer Straßenecke abgesetzt hat, irren wir ohne einen Anhaltspunkt durch die Stadt mit ihren 17 Millionen Einwohnern. Straßenschilder mit englischen Straßennamen gibt es zwar gelegentlich, doch der Stadtplan im Reiseführer ist so rudimentär, dass es sich fast nicht lohnt, ihn aufzuschlagen. Und wie sollen wir eine Straße finden, ohne zu wissen, wo wir suchen sollen?
Einmal quer durch China ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen: Das hatten wir uns einfacher vorgestellt. Immerhin sind wir keine Neulinge, was Rucksackreisen betrifft: Indien, Thailand, Südafrika, Europa. Überall bin ich bislang mit Englisch gut zurechtgekommen.
Doch in China stoßen wir plötzlich an Grenzen und merken schnell, dass es hilfreich sein kann, seine Grundkenntnisse in Sachen Pantomime noch nicht vergessen zu haben.
Zwei Stunden zuvor ist unser Flieger in Chinas Hauptstadt gelandet. Die Fahrt mit dem Bus in das 25 Kilometer entfernte Stadtzentrum klappt problemlos. Der Rikscha-Fahrer, den wir vom Busbahnhof zum Hostel nehmen wollen, macht uns aber einen Strich durch die Rechnung. Er scheint wenig motiviert oder hat uns nicht richtig verstanden. Jedenfalls landen wir an einer Straßenecke, die weit entfernt ist von der, zu der wir eigentlich wollen.
Schulterzucken und hilflose Blicke
Das wissen wir, weil keine der Straßen auf dem Plan zu den Straßen passen will, an denen wir vorbei laufen. Wir wollen uns durchfragen, aber ernten Schulterzucken und hilflose Blicke, als wir unseren Stadtplan zeigen.
Ein älterer Mann, der einige Jahre für eine ausländische Firma in Shanghai gearbeitet hat und gut Englisch spricht, schenkt uns schließlich eine Lektion: Zettel. Auf einen, den er aus meinem Notizblock reißt, schreibt er chinesische Zeichen. Den sollen wir ab jetzt vorzeigen, wenn wir den Weg nicht wissen. Dann weist er uns noch grob die Richtung und wünscht einen guten Tag.
Der Zettel funktioniert. Die nächsten Stunden laufen wir durch Peking, zeigen ihn zu jeder passenden Gelegenheit, verständigen uns mit Händen und Füßen und fahren sogar einige Stationen Bus – auch wenn wir weder die Namen der Stationen noch das Schild auf dem Bus lesen können.
Weil allerdings die ersten beiden Hostels, die wir auf diese Weise finden, schon ausgebucht sind, dauert es trotzdem mehr als sieben Stunden, bis wir einen Schlafplatz bekommen. Schließlich sitzen wir auf der harten Matratze eines fensterlosen Zimmers, das wir in einem Hostel in einer Seitenstraße entdecken. Hundemüde, groggy, kaputt.
Auf den Trick mit dem Zettel greifen wir in den nächsten Tagen oft zurück. China hat zwar eine Analphabeten-Rate von mehr als zehn Prozent, doch die meisten von ihnen leben in den ländlichen Regionen.
Eine Woche später sind wir in Jinan, einer verhältnismäßig kleinen Stadt mit sechs Millionen Einwohnern südlich von Peking. Auch hier zeigen sich die chinatypischen Gegensätze: Heruntergekommene Slums stehen vor modernen Hochhäusern, die Kanalisation ist überlastet, an manchen Ecken stinkt es bestialisch.
„Ich hatte Rindfleisch. Glaube ich. Und Du?“
Stephan nach dem Essen
Fast bizarr wirkt es da, vor dieser Kulisse einen Mann im Anzug und mit Aktentasche zu sehen, der aufgeregt in sein iPhone spricht. Als wir am Bahnhof – an dem sich die Chinesen vor den unzähligen Schaltern drängeln und schubsen – ein Ticket für die Weiterfahrt kaufen wollen, bekommen wir ein Problem: Wir finden niemanden, den wir auf Englisch um Hilfe bitten können. Wir sind ratlos.
An dieser Stelle entpuppt sich der Sprachführer, den ich mir vor dem Flug in der vagen Absicht gekauft habe, ein paar Wörter Chinesisch zu lernen, als beste Investition der Reise. Als wir vor der Frau am Ticketschalter ankommen, zeigen wir auf die Wörter, die wir brauchen: „Zugticket“ – die Seiten habe ich mit Eselsohren markiert – „Shanghai“ – „Dienstag“ – ich blättere und suche nach dem richtigen Wort auf der Seite – „Vormittags“. Der Sprachführer ist richtig gut. Er lässt uns Schlafabteile buchen und Stadtviertel erkunden. Und die Chinesen sind freundlich. Immer findet sich jemand, der versucht, uns weiterzuhelfen.
Einzig beim Essen kommt der Reisende in China völlig ohne Sprachkenntnisse aus: Fast alle Restaurants haben ihre Wände mit Bildern beklebt, so dass der Hungrige die unlesbaren Schriftzeichen ignorieren kann und nur auf die Bilder zeigen muss.
Einfach auf die Bilder zeigen und sich überraschen lassen
Unklar bleibt da aber die Frage, was er da bestellt. Und so kann es passieren, dass sich die Reisenden beim Verlassen des Restaurants anschauen und einer zum anderen sagt: „Ich hatte Rindfleisch. Glaube ich. Und Du?“

