Von Stephan Esser
mit einem Kommentar von Christoph Fischer
Schalke will den Sieg gegen Gladbach. Unbedingt. Da lebt selbst Trainer Favre an der Seitenlinie gefährlich.
Gladbachs Trainer Lucien Favre geht Alexander Baumjohann (l.) an den Kragen.
Gelsenkirchen. Diese Szene sagte alles. Alexander Baumjohann, gerade erst eingewechselt, springt in Lucien Favre hinein. Gladbachs Trainer ist empört, rüttelt und schüttelt den Schalker, gibt ihm ein paar passende Worte mit. Schließlich ereignete sich der Angriff des Schalkers deutlich abseits des Spielfeldes – in Favres Hoheitsgebiet, der Coaching-Zone. Doch Baumjohanns beinaher Amoklauf im Bemühen, einen aussichtslosen Ball noch zu erreichen, symbolisierte die Entschlossenheit, mit der die Schalker am Sonntag den Tabellenführer aus Mönchengladbach nach nur einer Woche wieder von der Spitze holten. Schalke wollte diesen Sieg. Unbedingt. Mit allen Mitteln.
Und nichts könnte das Entstehen dieses Schalker Arbeitssieges besser ausdrücken als der Umstand, dass Weltstar Raúl für das entscheidende Tor in der 64. Minute – das 100. der Bundesliga-Saison – immerhin drei Versuche benötigte, ehe er den Ball an Gladbachs Torhüter Marc-André ter Stegen vorbeimogelte. Erst mit dem Knie, dann mit dem rechten Fuß, schließlich mit Links bugsierte er den Ball ins Netz und damit Schalke auf Platz zwei. Der in der Kniekehle leicht verletzte Ter Stegen bot wieder eine überzeugende Partie.
Baumjohann entschuldigt sich nach dem Spiel bei Favre
Gladbachs Trainer Lucien Favre hatte trotz der Attacke von Baumjohann, der sich nach dem Spiel bei Favre entschuldigte, und der ersten Niederlage seit 135 Tagen – jenem 0:1 in Mainz – schnell die Fassung wiedergefunden: „Schalke hat es verdient. Wir haben nicht schlecht gespielt. Aber wir hatten zu viele Ballverluste. Das technische Tempo war in einigen Phasen zu hoch für uns.“ Den Gegentreffer bezeichnete er als Glückstor. Den Freistoß, der dem Treffer vorausging, als harte Entscheidung.
Schalke dreht unter Rangnick nach der Pause auf
Dante soll im Kopfballduell Raúl gefoult haben. „Darüber haben die Spieler zwei, drei Sekunden diskutiert. Das habe ich auf der Bank gespürt. Das ist nicht gut“, sagte Favre.
Schalke hingegen hat sich unter dem Trainer Ralf Rangnick zu einer Energie-Maschine entwickelt, die gerade in der zweiten Halbzeit auf Hochtouren läuft. Acht der zehn Saisontore erzielte seine Mannschaft nach der Pause. So wie am Sonntag auch. Schalke war präsenter im Mittelfeld mit Abräumer und Kraftprotz Kyriakos Papadopoulos und Ideengeber Raúl. Schalke agierte zielstrebiger und kombinationssicherer und verschärfte in der zweiten Halbzeit das Pressing. „Wir haben gegen den Ball das bisher beste Spiel gemacht“, frohlockte Rangnick nach aufregenden 90 Minuten, die in den besten Schalker Saisonstart seit zehn Jahren mündeten. Rangnick: „Das Erfreulichste ist, dass wir zu Null gespielt haben. Wir haben nie gewankt.“
Gladbach scheitert an der fehlenden Präzision
überragend: –
gut: Höwedes, Matip, Papadopoulos, Draxler, Raul, Farfan
durchschnittlich: Fährmann, Uchida, Fuchs, Holtby, Huntelaar
enttäuschend: –
überragend: –
gut: Ter Stegen, Brouwers, Dante, Reus
durchschnittlich: Jantschke, Daems, Nordtveit, Neustädter, Arango, Hanke
enttäuschend: Bobadilla
Zwar erhöhte Gladbach nach dem Rückstand den Druck. Doch auch mit dem eingewechselten Sturmduo Igor de Camargo und Mathew Leckie für Mike Hanke und den enttäuschenden Raul Bobadilla scheiterten die Gladbacher an sich selbst und an der fehlenden Präzision im Spielaufbau sowie dem letzten entscheidenden Pass in die Spitze.
Kommentar
Wunsch und Realität
Dass in Mönchengladbach nach dem überragenden Saisonstart schon von der Meisterschaft geredet wurde, hatte fast etwas Kölsches. Dort wird ja bekanntlich nach einem Sieg in der Liga schnell vom Erreichen des internationalen Geschäfts geredet. mehr

