Ex-Eiskunstläufer Rudi Cerne über hartes Training in der Kindheit und die harte Realität bei „Aktenzeichen XY“.

Eiskunstläufer Rudi Cerne aus der Sicht unserer Karikaturisten Christoph Härringer.
Eiskunstläufer Rudi Cerne aus der Sicht unserer Karikaturisten Christoph Härringer.

Eiskunstläufer Rudi Cerne aus der Sicht unserer Karikaturisten Christoph Härringer.

Christoph Haerringer

Eiskunstläufer Rudi Cerne aus der Sicht unserer Karikaturisten Christoph Härringer.

Herr Cerne, war der kleine Rudi ein schlittschuhbegeisterter Kriminal-Fan?

Rudi Cerne: Mit Krimis und Western bin ich groß geworden – wenn ich Zeit hatte. Mein Vater hat mich schon mit sechs Jahren aufs Eis gebracht. Er war Jahrgang 1920. Was er gesagt hatte, war eine Art Gesetz. Als Eiskunstläufer war er selbst ziemlich begabt, ist dann allerdings mit 22 Jahren mit nur einem Bein aus dem Krieg gekommen. Irgendwann hat er mich dann aufs Eis gestellt um das fortzuführen, was ihm verwehrt blieb. Der klassische Eislauf-Vater. Auch wenn Sie sich wundern, ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Verdammt lang her

Wie charakterbildend war es, sich als Junge für Eiskunstlaufen zu entscheiden?

Cerne: Sehr, weil das eine sehr trainingsintensive Sportart ist, mit der man sehr früh beginnen muss. Ich höre oft von Sportlern, die in der Jugend Handball gespielt und dann zum Hochsprung gewechselt haben. Im Eiskunstlaufen geht das nicht, weil es auf einem anderen Medium stattfindet, auf glatten Eis, und da müssen sich Bewegungsabläufe ganz früh einprägen, quasi wie ein Reflex automatisiert werden.

Das passiert zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr. Eiskunstlaufen heißt auch, in den Sommerferien morgens um sieben Uhr auf dem Eis zu stehen und Kringel zu ziehen. Eigentlich ist das irre. Bei mir haben sich aber Erfolge schnell eingestellt. Mit elf Jahren war ich deutscher Junioren Meister. Dann habe ich Ehrgeiz bekommen und weitergemacht.

„Wenn man die Straftaten sieht, mit denen ich zu tun habe, relativiert sich vieles.“

Dann gab’s aber auch die Jungs mit den Fußballschuhen, die riefen: Guck‘ mal, der mit den engen Hosen da.

Cerne: Überhaupt nicht. Die Menschen im Ruhrgebiet sind sehr aufgeschlossen. Vor allem gegenüber Sportarten, die ihnen exotisch erscheinen. Außerdem habe ich die Robin-Hood-Hosen nie angezogen, auch meine Hemden waren immer ziemlich zugeknöpft. Kleidung musste bei mir immer dezent sein.

Um eine typische Sportmoderatoren-Floskel zu verwenden: Wie undankbar war Ihr vierter Platz bei Olympia 1984?

Cerne: Das war damals saublöd. Ich lag bis zum letzten Läufer auf Platz drei. Dann läuft Josef Sabovcik die Kür seines Lebens und schmeißt mich auf den vierten Platz. Aber im Nachhinein habe ich einen tollen Vertrag bei „Holiday on Ice“ bekommen. Wäre ich Dritter geworden, wäre ich vielleicht dort noch länger geblieben und hätte nie meinen Weg in den Sportjournalismus gefunden.

Wenn man sich wie Sie in „Aktenzeichen XY“ intensiv mit den dunklen Seiten beschäftigt, wie verändert das den Blick auf die schönste Nebensache der Welt?

Cerne: Wenn man die Straftaten sieht, mit denen ich zu tun habe, relativiert sich vieles. Es gibt mir eine gewisse Gelassenheit und auch Abgeklärtheit gegenüber einem zu frenetischen Jubel, weil Sport nach wie vor eine fantastische, aber auch nur die schönste Nebensache der Welt ist.

Wenn man sich das deutsche Eiskunstlaufen anschaut, dann sieht man auf der internationalen Bühne ein Traumpaar. Aber wie sieht es beim Blick hinter die Kulissen aus?

Cerne: Den Blick hinter die Kulissen habe ich gar nicht. Ich kenne Aljona Savchenko und Robin Szolkowy recht gut von den Meisterschaften. Ein faszinierendes Paar. Da Eiskunstlaufen aber nicht mehr so häufig im Fernsehen vorkommt, bin ich auch nicht mehr so nah dran.

Sie hätten Eiskunstlauftrainer werden können, die Ausbildung hatten Sie begonnen.

Cerne: Manchmal spielen Zufälle eine große Rolle. Ich bin mit Adi Furler bei Olympia 84 in Sarajevo um die Häuser gezogen. Er meinte, wir könnten mal was zusammen machen. Wir haben ein Portrait über Katarina Witt angefertigt. Adi Furler hat mir enorm geholfen, ich konnte ihm dafür Einblick hinter die Kulissen geben, und er war mein erster Lehrmeister. Da habe ich damals Feuer gefangen.

Wie schwierig war es, Ihre Tochter vom Eiskunstlaufen abzuhalten?

Cerne: Das war kein Problem. Sie ist eine gute Tennisspielerin. Wenn ich mich in meiner Sportart umsehe, können wenige am Ende eine erfolgreiche Karriere vorweisen. Ich war kein Europameister, kein Weltmeister, stand noch nicht mal auf dem Treppchen. Da gab es einen Norbert Schramm, der ein Superstar war. Da gab es einen Heiko Fischer, der mehrfacher deutscher Meister war, aber nie den Sprung aufs Treppchen geschafft hat bei internationalen Meisterschaften.

Da spielen so viele Unwägbarkeiten eine Rolle. Du musst Talent mitbringen, ein positiv verrücktes Elternhaus, brauchst einen besessenen Eiskunstlauf-Vater. Den ich zwar hatte, der ich aber nicht bin. Du musst jeden Tag auf dieses verdammte Eis gehen. Ich bewundere jeden, der diese Ochsentour geht. Ich habe das einmal geschafft, 20 Jahre lang. Das reicht.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer