An ihm kam so schnell kein Ball vorbei. Wegen seiner überragenen Reflexe war Handballtorwart Andreas Thiel auch als "Hexer" bekannt. Bei mehr als 500 Bundesligaspielen stand er zwischen den Pfosten. Inzwischen arbeitet der 51-Jährige als Rechtsanwalt.

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Herr Thiel, vor zehn Jahren haben Sie Ihre große Handball-Karriere beendet. Vermissen Sie das Kribbeln nach 20 Jahren Spitzensport?

Andreas Thiel: Nein, schon lange nicht mehr. Ich bin im richtigen Leben angekommen. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Soweit Handball in meinem Leben noch eine Rolle spielt, ist das emotionale Interesse von mir durch die Trainer-Tätigkeit in Leverkusen und jetzt seit vier Jahren durch die offizielle Justiziar-Arbeit bei der HBL vollumfänglich abgedeckt. Da ist man noch ein bisschen im Boot, am Puls des Handballs. Dass das wöchentliche Highlight, das Spiel am Wochenende, nicht mehr da ist, damit kann ich nicht nur leben – das muss auch nicht mehr sein. Alles hat seine Zeit.

Emotional müssen Sie also nichts mehr kompensieren?

Thiel: Nein. Ich war lange zweimal die Woche bei den Leverkusener Mädels dabei, hab das jetzt auf einmal wöchentliches Training zurückgeschraubt. Hinzu kommt, dass ich seit April Abteilungsleiter im TSV Bayer Leverkusen bin. Grund war die Weihnachtsfeier ein paar Monate zuvor. Da hatten mich die Damen beschwatzt, da war ich blitzeblau. Die Funktionen ändern sich altersgemäß.

Es gibt viele erfolgreiche Handballer, die mit Frauenhandball gar nichts anfangen können.

Geboren am 3. März 1960 in Lünen
Wohnort Köln
Spitzname „Hexer“
Familienstand verheiratet, drei Töchter
Beruf Rechtsanwalt in Köln, Justiziar beim Ligaverband HBL

Spielposition Handballtorwart
Vereine als spieler 1974 – 1977 Alemannia Aachen, 1977 – 1979 TV Hochdorf, 1979 – 1991 VfL Gummersbach, 1991 – 2001 TSV Bayer Dormagen, 2001 SG Flensburg-Handewitt
Nationalmannschaft 256 Spiele, Debüt am 24. Okt. 1980 gegen die Schweiz

Grösste Erfolge 3 Olympia-Teilnahmen, 5 deutsche Meisterschaften, 3 Siege im DHB-Pokal, zweimal Europacup-Sieger der Landesmeister mit Gummersbach;
Auszeichnungen siebenmal   Handballer des Jahres
Vereine als Trainer Bayer Leverkusen, Frauen, Torwarttrainer seit 2000, DHC Rheinland von 2009 bis 2010

Thiel: Ich sage zum Frauenhandball uneingeschränkt ja. Mir ist aber klar, dass Männer- und Frauenhandball vollständig unterschiedliche Spiele sind. Andererseits fühle ich mich bei den Damen immer ein bisschen an meine Anfangszeit in der Bundesliga erinnert. Da ging alles familiärer zu, mit weniger Event-Philosophie und viel, viel weniger Geld. Ich habe hohen Respekt vor den Damen, die für wirklich wenig Knete auch jeden Tag hart trainieren, dabei lange nicht so viel spielen müssen wie die Jungs. Aber sie haben ebenfalls einen professionellen Anspruch an sich selbst.

Der Beiname „Hexer“ klebt förmlich an Ihnen. Seit wann haben Sie diesen Ritterschlag, und wer hat Ihnen den Namen verpasst?

Thiel: Den habe ich in der Saison 82/83 bekommen. Gummersbach hat in Großwallstadt gespielt, wir haben mit einem Tor gewonnen, ich habe fünf oder sechs Siebenmeter gehalten. Da hieß es dann, der Nachfolger des Hexers sei in dessen Heimat gefunden worden. Der Ursprungshexer ist ja Manfred Hofmann. Das ist der mit der legendären Siebenmeterparade 1976 in Karl-Marx-Stadt gegen die damalige DDR.

Ihre größten Erfolge haben Sie mit Gummersbach gefeiert, wurden fünfmal Meister, gewannen den Europacup der Landesmeister. Wie sehr bewegt Sie der schon länger währende Niedergang?

Thiel: Es trifft mich emotional gar nicht mehr. Das liegt wohl auch daran, dass dort niemand eine Rolle spielt, mit dem ich gemeinsame Emotionen aus der Vergangenheit verbinde. Als konservativer Traditionalist fände ich es aber schade, wenn der VfL aus der Ersten Liga verschwinden sollte. Ich habe ein großes Faible für Traditionsvereine. So für den THW mit seinen tollen Erfolgen. Großartig ist auch, dass Hüttenberg wieder aufgestiegen ist und dass die Marken Göppingen, Großwallstadt oder Gummersbach immer noch mitspielen.

Das Gummersbacher Problem ist fehlendes Geld…

Thiel: Das ist das Problem aller Mannschaften aus dem unteren Mittelfeld, sie versuchen wettbewerbsfähig zu bleiben, verpflichten Spieler, die viel Geld kosten, die ihnen dann aber auch nicht wirklich weiterhelfen. So einen wie Jicha oder Narcisse können sie nicht verpflichten. Und irgendwann wird es dann schwer, die Personalkosten zu refinanzieren. Bei Gummersbach kam hinzu, dass die Spieler, die was taugen, verscherbelt werden mussten. Der VfL musste das Tafelsilber verticken, hatte dadurch einen Qualitätsverlust.

Was hat der siebenmalige deutsche Handballer des Jahres damals so verdient?

Thiel: Bis 1989 habe ich in Gummersbach 5000 Mark im Monat bekommen, die letzten beiden Jahre 10 000 Mark. Das war für die damalige Zeit sicherlich in der Spitze. In Dormagen habe ich dann das gleiche bekommen. Die letzten vier Jahre dort habe ich dann für 6000 Mark im Monat Bälle gehalten. Das war, ohne dass ich jetzt aufschneiden möchte, für einen Mann mit meinem Namen unterdurchschnittlich. Aber ich habe damals, weil ich schon Rechtsanwalt war, einen vollen Arbeitstag zu bewältigen hatte, Privilegien eingefordert. Die sahen so aus, dass ich morgens nicht mehr trainiert und Mittwochsspiele per Eigenanreise gelöst habe.

Wenn Sie auf die aktuellen Gehaltslisten schauen und feststellen, dass ein zweiter Torhüter bei einem x-beliebigen Bundesligisten wesentlich mehr bekommt als Sie früher – kommt dann Neid auf?

Thiel: Ich kann einen gewissen Neidfaktor nicht leugnen. Aber wenn ich Leute wie Thierry Omeyer vom THW sehe, wie der kämpft, wie der sich von anderen abhebt, weil er eben in den entscheidenden Minuten entscheidende Bälle hält, wirklich Weltklasse ist, dann hat einer wie er auch das große Geld verdient. Keine Verständnis habe ich für Leute, die jammern, weil sie an Weihnachten spielen müssen. Die sollen mal auf ihre Gehälter schauen , dafür hätte ich am Heiligenabend zweimal Handball gespielt. Morgens und nachmittags. Überhaupt ist Weihnachten kein schlechter Termin, dann sind die Hallen voll, die Vereine profitieren. Ob ich aber mit den Jungs von heute tauschen möchte, weiß ich nicht wirklich. Das sag ich jetzt mit dem Abstand der Jahre, aber man muss auch nach der sportlichen Karriere noch in der Lage sein, Lebensinhalte zu finden.

Was hat sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren verändert, was ist anders geworden in Ihrer Sportart?

Thiel: Es spielt deutlich mehr Geld eine Rolle als es früher der Fall war. Das Spiel selbst hat sich durch deutlich verbesserte Trainingsmethoden mit einer unglaublichen Athletik von allen nach vorne verändert. Vor allem die Schnelligkeit des Spiels. Damals waren Ergebnisse wie 17:16 normal, so steht es heute bei Halbzeit. Die Fitness der Jungs fällt mir auf, wenn ich mir die Nationalspieler unter der Dusche angucke, da sehe ich nur „Ahmed-Schachbrett“, während es zu unserer Zeit Leute gab, die einkleines Bäuchlein vor sich herschoben. Aber alles hat seine Zeit. Damals waren eben Spieler wie Jo Deckarm, Heiner Brand oder Erhard Wunderlich das Nonplusultra.

Welches Team aus dem Welthandball würden Sie heute als Ihre Lieblingsmannschaft bezeichnen?

Thiel: Der THW in der derzeitigen Besetzung – das ist schon ein ganz besonderes Kaliber. Das ist das eine. Respekt habe ich aber nach wie vor vor Mannschaften wie Wetzlar oder Balingen. Das sind Teams, die es seit Jahren verstehen, mit bescheidenen Mitteln die Klasse zu halten. Davor habe ich ganz hohen Respekt. Im Vip-Raum müssen das nicht immer Kaviar und Garnelen sein, da reichen auch mal ein Handkäs mit ein paar Bier.

Wie zum Beispiel vor Jahren in Dutenhofen?

Thiel: Ja genau, da wurden die Tische gleich nach dem Spiel aufs Feld gerollt – und los ging es. Das hatte diesen typischen Charme. Auch wenn der Playboy mal von den „Dorftrotteln“ geschrieben hat. Wir müssen mit diesen typischen Dingen in unserem Spiel viel offensiver umgehen. Ich finde so was nach wie vor klasse. 19 000 in der Lanxess-Arena mögen toll sein, alles super. Aber die 2000 in Balingen sind auch super. Unsere Sportart ist traditionell verwurzelt in kleineren Orten, aber das sind auch angesichts des Premium-Produkts Bundesliga positive Werte.

Erleben wir Sie irgendwann einmal auf einem wichtigen Funktionärs-Stuhl in der deutschen Handball-Hierarchie?

Thiel: Ich weiß nicht, Ambitionen habe ich keine,obwohl ich von 1993 bis 1996 mal Vizepräsident Recht im DHB war. Das war mehr ein Experiment, da habe ich noch gespielt, und ich habe viel gelernt. Von den drei Jahren profitiere ich bis heute. Solange ich den Job als angestellter Justiziar bei der HBL habe, kommt eine ehrenamtliche Aufgabe beim DHB sowieso nicht in Betracht. Mit Ausnahme des Torwarttrainings, das ich hin und wieder mache. Aber das stecke ich komplett in eine andere Schublade. Ausschließen will ich eine spätere Tätigkeit dennoch nicht.

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