Lauf-Legende Dieter Baumann über sein Kabarett-Programm, seinen Olympiasieg und die Doping-Affäre.

Läufer Dieter Baumann aus Sicht unserers Karikaturisten Christoph Haerringer.
Läufer Dieter Baumann aus Sicht unserers Karikaturisten Christoph Haerringer.

Läufer Dieter Baumann aus Sicht unserers Karikaturisten Christoph Haerringer.

Dieter Baumann beim Zieleinlauf seines Olympia-Siegs 1992 in Barcelona.

Läufer Dieter Baumann heute.

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Läufer Dieter Baumann aus Sicht unserers Karikaturisten Christoph Haerringer.

Düsseldorf. Herr Baumann, Sie gelten „nicht nur als der beste Comedian unter den Läufern, sondern auch als der beste Läufer unter den Comedians“. Wie um kamen Sie zum Kabarett?

Dieter Baumann: Vieles kann man nicht planen, es ergibt sich einfach. Ich habe nach meiner sportlichen Karriere viele Vorträge gehalten. Und immer wenn ich etwas Wissenschaftliches erklärt habe – über Training, Motivation oder Psychologie – sind die Leute eingeschlafen. Und immer, wenn ich eine Geschichte erzählt habe – sie musste nicht einmal witzig sein – waren alle hellwach. Dann habe ich mir irgendwann gedacht, ich verzichte auf alles, was mit Wissenschaft zu tun hat und erzähle nur noch Geschichten. Dann habe ich die Regisseurin Carola Schweglin hinzugezogen und gemeinsam haben wir das Stück gemacht mit dem Titel „Körner, Currywurst, Kenia“, und das läuft immer noch.

Hinter dem Namen „Körner, Currywurst und Kenia“ vermuten wir, dass es sich dabei um Ernährungs- und Trainingstipps für Hobbyläufer handelt. Was ist gegen Currywurst einzuwenden?

Baumann: Überhaupt nichts. Ich bin ein begeisterter Currywurst-Esser. Das war ich auch schon während meiner aktiven Zeit. Das Programm führt auch ein Stück durch meine Läuferkarriere, es geht dann weiter bis zu den Freizeitläufern, davon sitzen ja viele im Publikum. Man hat ja für uns Top-Athleten schon einige Schubladen, da gehört die Currywurst dazu, die wir nie essen durften.

Und was hat es mit Kenia auf sich?

Geboren 9. Februar 1965

Familienstand verheiratet, eine Tochter und ein Sohn

Beruf Läufer, Entertainer, Buchautor

Größte Erfolge Olympiasieg 1992 in Barcelona, Olympia-Silber 1988 in Seoul, Europameister 1994

Doping-Affäre Baumann wird 1999 positiv auf Nandralon getestet. Vom DLV wird er aufgrund der Funde von Norandrostendion in seiner Zahnpasta und Haarproben ohne Befund freigesprochen. Der internationale Verband sperrt ihn dennoch.

Karriereende Baumann beendete 2003 seine Karriere und veröffentlicht danach Bücher, hält Vorträger, ist Kolumnist und tritt als Comedian und Schauspieler auf

23.12. Michael Gross

27.12. Ulrike Meyfarth

28.12. Markus Wasmeier

30.12. Anja Fichtel

03.01. Eberhard Schöler

04.01. Maxi Gnauck

06.01. Axel Schulz

10.01. Michael Stich

11.01. Hans G. Winkler

13.01. Andreas Thiel

17.01. Dieter Baumann

18.01. Erich Kühnhackl

24.01. Rudi Cerne

5.01. Georg Thoma

27.01. Dietrich Thurau

Baumann: Kenia hat mich in der zweiten Phase meiner Karriere wahnsinnig geprägt. 1994 bin ich zum ersten Mal nach Kenia gefahren. Danach war ich jedes Jahr zwei Monate dort. Es ist dort eine ganz andere Herangehensweise ans Laufen und ans Trainieren. Das mit den Afrikanern gemeinsam zu machen, ist für sich schon eine Herausforderung. Das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Auch im Hinblick auf die Menschen, die dort leben und warum sie laufen. Kenia ist der rote Faden in meinem Programm. Der Höhepunkt ihrer Karriere war der Olympiasieg 1992 in Barcelona über 5000 Meter.

Wie hat dieser Sieg ihr Leben verändert?

Baumann: Wahrscheinlich sehr viel. Klar sind solche Ereignisse immer Wegmarkierungen, die einen in eine andere Richtung lenkt. Da kann man machen, was man will. Man kann sich bemühen, bodenständig zu bleiben, was mir im Grunde gelungen ist. Aber es nimmt auf alles Einfluss.

In ihrem Kabarett-Programm sprechen Sie selbstironisch über Ihre Vergangenheit als Zahnpaschta-Män. Heißt das, dass Sie mit der Doping-Affäre von 1999 im Reinen sind?

Baumann: Wenn man Kabarettprogramm macht und auf der Bühne steht, dann wäre es doch wie ein verschossener Elfmeter, wenn ich diesen Witz nicht selbst spielen würde. Und klar mache ich auf der Bühne diesen Schritt nach vorne unter dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Seien wir doch ehrlich, die Leser wollen es ja gar nicht mehr lesen. Es ist im Grunde nur ein redaktionsinternes Thema der Zeitungen. Deshalb habe ich gesagt, ich werde die Zahnpasta so lange in meinem Kabarettprogramm drin lassen, bis die Journalisten sagen, wie können es nicht mehr hören. Es ist kein leidiges Thema für mich.

Aber diese Zahnpasta-Affäre ist ein Teil ihres Lebens.

Baumann: Wenn der Olympiasieg mein Leben verändert hat, dann hat die Zahnpasta mein Leben auch verändert. Dem kann ich mich nicht entziehen, selbst wenn ich wollte. Man muss sich auf Leute verlassen, auf seinen Freundeskreis. Gerade in einer schwierigen Situation. Ich selbst bin mit der Geschichte schon lange im Reinen. Ich will meine Energie nicht mit der Vergangenheit vergeuden. Ich will sie anders einsetzen – für das, was kommt, wenn sie so wollen, für mein Lebensglück. Ich kann mich kaum erinnern, dass es mir besser gegangen ist als jetzt im Moment.

Immerhin hat sie der DLV im Gegensatz zum internationalen Verband IAAF vom Vorwurf des Dopings freigesprochen. Der Dopingkritiker Werner Franke hat die Zahnpasta-Affäre als einen Anschlag auf sie nach Stasi-Muster bezeichnet.

Baumann: Ich habe nach mehr als zehn Jahren so viel Abstand dazu gewonnen. Natürlich ist es toll, wenn so renommierte Personen wie Franke dazu Stellung nehmen. Er hat damals Gutachten zu meinem Fall erstellt. Es freut mich auch, wenn andere Personen dazu Stellung beziehen, aber ich erwarte es nicht. Heute habe ich genügend Abstand, sodass ich auch mit den Menschen völlig unverkrampft umgehen kann, die damals gegen mich Stellung bezogen haben.

Kommen wir zur deutschen Leichtathletik: Gerade im Bereich Mittel- und Langstrecke herrscht auf internationaler Ebene ziemliche Flaute.

Baumann: Es ist ein gesellschaftliches Phänomen auf der einen Seite. Die jungen Menschen haben heute sehr viele Möglichkeiten. Das finde ich toll. Das machte es allerdings bei der Elite-Herausbildung auch im Leistungssport schwierig. Da muss man die Hürden wahnsinnig hochhängen und alles auf einen Punkt konzentrieren. Dazu kommt, dass wir Eltern unseren Kindern viel mehr abnehmen, als dies vor einigen Jahren der Fall war. Oft entlassen wir unsere Kinder mit zu wenig Selbstständigkeit ins Leben. Sehr häufig sieht man auch junge Menschen, die machen mal dies und mal jenes, aber haben nie etwas richtig durchgezogen, bleiben nicht lange genug an der Sportkarriere dran.

Was kann die Leichtathletik dafür tun, um ihr Image aufzupolieren?

Baumann: Wir brauchen Athleten mit Weltklasse-Niveau. Ich kann das schönste Produkt und das schönste Marketing-Konzept haben. Aber wenn am Ende keine Leistung da ist, kann ich auch nichts verkaufen. Ich muss mir ein Konzept überlegen und fragen, wie führe ich junge Menschen zur Weltklasse. Dann wäre die Leichtathletik aus dem Schneider. Erfolge in der deutschen Leichtathletik sind zuletzt vornehmlich in Wurf- und technischen Disziplinen erzielt worden.

Wann gibt es wieder deutsche Medaillen im Mittel- und Langstreckenbereich?

Baumann: Im Moment schwächelt der Lauf. Und zwar grundsätzlich vom 100-Meter-Lauf bis hin zum Marathon. Natürlich haben wir viel zu wenig Nachrücker. Und es gibt auch kein erkennbares Nachwuchsförderkonzept von Verbandsseite, um diesem Problem zu entgegnen. Es ist nach wie vor eher ein Zufall, wenn wir ein Talent entdecken. Aber vielleicht ist es das Charakteristikum dieser Sportart. Denn es war schon immer Zufall. Es hatte noch niemals systematische Hintergründe, ob jemand Weltklasse-Niveau erreicht oder nicht. Es waren und sind Zufälle. Aus dem Grunde sollte man sich mehr dem Zufall widmen, das brächte mehr Erfolg.

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