Mit 57 Jahren geht der ehemalige Radprofi neue Wege. Als Tennistrainer fördert er seinen jüngeren Sohn Urs.

Der ehemalige Radprofi Dietrich Thurau als „blonder Engel“ aus der Sicht unseres Karikaturisten Christoph Haerringer.
Der ehemalige Radprofi Dietrich Thurau als „blonder Engel“ aus der Sicht unseres Karikaturisten Christoph Haerringer.

Der ehemalige Radprofi Dietrich Thurau als „blonder Engel“ aus der Sicht unseres Karikaturisten Christoph Haerringer.

Dietrich Thurau 1988 kurz vor seinem Abschied vom aktiven Radrennsport und...

... Dietrich Thurau heute.

Christoph Haerringer, Bild 1 von 3

Der ehemalige Radprofi Dietrich Thurau als „blonder Engel“ aus der Sicht unseres Karikaturisten Christoph Haerringer.

Düsseldorf. Vor fast 35 Jahren sorgte Dietrich Thurau bei der Tour de France als „blonder Engel“ für eine Radsport-Euphorie: 15 Tage fuhr der damals 22-Jährige im Gelben Trikot, feierte fünf Etappensiege und wurde Fünfter im Schlussklassement. Der Pariser Bürgermeister und spätere Staatspräsident Jacques Chirac verkündete auf den Champs-Elysees sogar: „Seit Konrad Adenauer hat keiner mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan als Didi Thurau.“

Herr Thurau, denken Sie mit nun 57 Jahren noch oft an dieses sensationelle Erlebnis?

Thurau: Ich werde jeden Tag in meinem Büro daran erinnert. Hier hängt das Bild eines holländischen Malers, signiert mit „Joop 77“, der mich während meiner ersten Tour gemalt hat, und eingerahmt natürlich das Gelbe Trikot. Es war ein aufregendes Jahr für einen so jungen Kerl. Fast wäre ich ja auch noch Straßenweltmeister geworden. Dann wurde ich auch noch von den deutschen Journalisten zum „Sportler des Jahres“ gewählt. Eigentlich zuviel auf einmal für einen einfachen Frankfurter Bub.

Auf die damaligen 64. Tour de France fiel der Schatten des Dopings. Zwei Stunden dauerte es, bis der Träger des Gelben Trikots, Bernard Thevenet, auch als Sieger bestätigt wurde. Der Franzose stand unter massivem Dopingverdacht und hat nach dem Ende seiner Karriere zugegeben, auch bei seinem zweiten Tour-Sieg Cortison gespritzt zu haben. Wie denken Sie heute darüber?

Thurau: Dass ich die Tour vielleicht hätte gewinnen können, wenn ich etwas Verbotenes genommen hätte. Ich schluckte nur Vitaminpillen. Mit meinem Masseur Ruud Bakker, einem Freund bis heute, haben war damals vor dem Tourstart diskutiert, ob wir zu harten Mitteln greifen sollen. Wir haben es nicht getan. Diese Tour bin ich sauber gefahren und habe dann beim Anstieg nach Alpe d’Huez die bittere Erfahrung gemacht: Nur mit Zuckerwasser fährt bei der Tour kein Spitzenmann diese Rampen hoch.

„Der strikte Anti-Doping-Kampf ist ganz nach meinem Sinn.“

Und danach haben Sie es gemacht wie alle anderen?

Thurau: Einem jungen Fahrer blieb gar keine andere Wahl, wenn er vorne mitfahren wollte. Einmal bin ich positiv getestet worden, bei meiner letzten Tour 1987. Nur waren die Mittel, Amphetamine, Cortison, Testosteron, damals harmlos verglichen mit Epo und systematischem Blutdoping. Dieses System kann für einen Fahrer lebensgefährlich sein. Als mein Sohn Björn mit 18 Jahren Profi wurde, habe ich ihn eindringlich gewarnt. Der strikte Anti-Doping-Kampf ist daher ganz nach meinem Sinn.

Nach ihrer grandiosen Tour 1977 war die ganze Radsportwelt davon überzeugt, dass Sie der erste deutsche Tour-Sieger werden würden. Stattdessen ging es bergab. Warum?

Thurau: Ich habe viele Fehler gemacht. Ich hätte zum Beispiel das Team meines Mentors Peter Post nicht verlassen dürfen. Der größte Fehler waren die vielen Sechstagerennen, manchmal 15 in einem Winter. Die Sechstageveranstalter haben mir die Bude eingerannt. Für mich lag das Geld nicht auf der Straße, sondern auf der Bahn.

Ihr älterer Sohn Björn ist zu einer Zeit Profi geworden, in der der Radsport wegen all der Dopingskandale geächtet wird. Glauben Sie, dass der Radsport eine Chance hat, wieder hoffähig zu werden?

Thurau: Dazu müsste – keine neuen Dopingfälle vorausgesetzt – ein Fahrer etwa mit dem sauberen Leumund eines Tony Martin die Tour gewinnen. In Deutschland zählt nur die Tour, nicht Martins Weltmeistertitel im Zeitfahren, um die deutschen Medien und damit Sponsoren und Öffentlichkeit wieder für den Radsport zu begeistern. Leider hat Martin als exzellenter Zeitfahrer zuviel Muskelmasse fürs Hochgebirge und damit für einen Toursieg.

Was ist von Björn sportlich noch zu erwarten?

Thurau: Er ist seinen eigenen Weg gegangen. Gegen den Ratschlag seines Vaters, nicht so früh und in diesen schwierigen Zeiten allein alles auf eine Profikarriere zu setzen. Björn ist jetzt 23, im fünften Jahr erfolgloser Profi. Er hat jetzt das Glück und die letzte Chance beim französischen Team „Europacar“ mit Thomas Voeckler als Kapitän.

Und was ist mit Ihrem zweiten Sohn Urs?

Thurau: Seit der Scheidung vor sechs Jahren bin ich in unserem Haus bei Zürich alleinerziehender Vater. Mit Urs gehe ich gemeinsam den Weg mit dem Ziel Wimbledon. Unser gemeinsames Leben ist Tennis. Nach meiner Karriere bin ich nicht mehr Rad gefahren, sondern habe nur noch Tennis gespielt, um fit zu bleiben. Urs hat sich mit acht Jahren für Tennis entschieden. Ich trainiere ihn täglich fünf Stunden, begleite ihn zu allen Turnieren und in die Tenniscamps. Urs ist 17, er hat die Realschule abgeschlossen und tut alles für eine Tenniskarriere. Er hat Talent, Ehrgeiz und schon Erfolge. Zur Zeit spielt er ein Turnier in Kaarst.

Darf man fragen, wovon Sie leben? Immerhin mussten Sie mit Ihrer Immobilienfirma Insolvenz anmelden.

Thurau: Ich bin neben Tennistrainer auch immer noch Immobilienkaufmann. Björn bei der Tour, Urs in Wimbledon, kann es für einen Vater wie mich noch schönere Ziele geben?

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