Bei einem Volksentscheid würden zurzeit rund 40 Prozent der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stimmen. Foto: Kay Nietfeld/Archiv
Bei einem Volksentscheid würden zurzeit rund 40 Prozent der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stimmen. Foto: Kay Nietfeld/Archiv

Bei einem Volksentscheid würden zurzeit rund 40 Prozent der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stimmen. Foto: Kay Nietfeld/Archiv

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Bei einem Volksentscheid würden zurzeit rund 40 Prozent der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stimmen. Foto: Kay Nietfeld/Archiv

London (dpa) - Ist der Umgang von Großbritanniens Premierminister David Cameron mit der EU volkswirtschaftlicher Selbstmord, wie viele Kritiker meinen? Oder ist sein gewagtes Spiel mit dem möglichen EU-Austritt seines Landes vielleicht sogar heilsam für die angeschlagene heimische Wirtschaft?

Die Meinungen auf der Insel sind gespalten. Cameron bekommt für seine eurokritische Haltung nicht nur von der Finanzindustrie sondern auch von kleinen Unternehmen ohne Exportambitionen Rückendeckung. Sie fühlen sich von Brüssel überreguliert, geradezu gegängelt.

Unter den 56 Unternehmern, die am Donnerstag Cameron in einem offenen Brief in der «Times» den Rücken stärkten, sind neben zahlreichen Tory-Parteispendern auch viele Banker und Börsianer. «Camerons Vorstoß sei gut fürs Geschäft und gut für Jobs in Großbritannien», schreiben sie. Durch europäische Regelungen wie zur Finanztransaktionssteuer oder zur Bankenunion fühlt sich die zuletzt schwer geschrumpfte Londoner City in die Enge getrieben.

Mit einer Regierung in London erscheint den Managern in den Bankentürmen an der Themse die Lobbyarbeit deutlich leichter. Und Brüssel hindert sie aus ihrer Sicht nur an Geschäften mit der weiten Welt. «Wir sehen uns als ein globales Land, mit globalen Interessen und globaler Reichweite», sagte Cameron am Donnerstag.

Der größte Finanzplatz Europas ist noch immer die Lebensader der britischen Volkswirtschaft mit einem Anteil von mindestens zehn Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Wachstum in Großbritannien gibt es praktisch nur, wenn auch die City wächst. Doch die kommt nach der Finanzkrise nicht mehr auf die Beine. Jetzt sollen in den Bürotürmen im Osten der Londoner Innenstadt sogar 100 000 Wohnungen entstehen, weil die Büroflächen nicht mehr zu vermieten sind.

Allein 2012 gingen 30 000 Jobs in der britischen Finanzbranche verloren, errechnete das angesehene Londoner Centre for Economics and Business Research (CEBR). Die City ist damit auf ihrem tiefsten Personalstand seit 1996 angekommen. Spätestens 2015 werde London seine Rolle als weltweit führendes Finanzzentrum abgeben müssen und von Hongkong, New York und wenig später auch von Singapur überholt werden. Die Banker befürchten, dass bei mehr Einmischung aus Brüssel noch mehr Jobs aus London verschwinden - gerade im Schattenbankensektor.

Für große Teile der britischen Realwirtschaft mit Handelsbeziehungen zum Kontinent ist ein Verprellen von EU-Partnern dagegen Gift. Allein die Jahre andauernde Verunsicherung, dass Großbritannien nach 2017 die Union verlassen könnte, hat das Potenzial, immensen Schaden anzurichten. Vizepremier Nick Clegg von den europafreundlichen Liberaldemokraten warf seinem «Chef» Cameron deswegen auch vor, sein eigenes, parteipolitisches Süppchen zu kochen. «Ich glaube, das entmutigt Investoren, hemmt Wachstum und blockiert neue Arbeitsplätze, was unsere oberste Priorität bleiben muss in einer Zeit, in der die Wirtschaft es kaum schafft, sich zu erholen», sagte Clegg am Donnerstag.

Sollte das britische Volk bis zum Jahr 2017 tatsächlich für einen Ausstieg aus dem ungeliebten Projekt EU stimmen, könnte für die Briten damit auch eine Abkehr vom Binnenmarkt verbunden sein - eine Vision, die im Vereinigten Königreich derzeit niemand voraussagen mag. Schließlich bedeutet Europa auch die Kaufkraft von 500 Millionen Menschen. Rund 50 Prozent der britischen Exporte von laut Welthandelsorganisation (WTO) insgesamt 473 Milliarden US-Dollar gingen 2011 in Länder der EU. Zölle und Handelsschranken würden Milliarden verschlingen - vermutlich deutlich mehr als die 5,6 Milliarden Euro, die Großbritannien derzeit als Nettozahler in den EU-Topf einspeist.

Vielleicht noch schlimmer: Großbritannien wäre dann auch nicht mehr Teil von Freihandelsabkommen der EU, etwa mit Südkorea. Einem in Vorbereitung befindlichen Abkommen mit den USA hat Cameron selbst am Donnerstag bei seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos enorme Bedeutung beigemessen. Es könnte die Volkswirtschaften der EU um 50 Milliarden Pfund (rund 60 Milliarden Euro) wachsen lassen. Für Investoren aus Übersee wäre der Standort Großbritannien um eine Attraktion ärmer - die Brückenkopffunktion in Europa. Der japanische Autobauer Toyota soll seine Ansiedlung in Großbritannien praktisch ausschließlich diesem Grund untergeordnet haben.

Doch auch für die EU hätte ein Austritt Großbritanniens - vom politischen Flurschaden ganz abgesehen - auch enorme wirtschaftliche Folgen. Für Länder wie Irland ist die Nachbarinsel der größte Handelspartner. Auch Deutschlands Auslandslieferungen gehen zu mehr als elf Prozent auf die Insel. 2011 hatte Deutschland waren für 65 Milliarden Euro ins Königreich geliefert und Güter für knapp 45 Milliarden von dort gekauft.

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