Von Daniel Schnettler
Aus Japan kommt jeder fünfte Speicher-Chip. Doch nun stockt die Produktion. Die Preise steigen bereits.
New York. Die Katastrophe in Japan dürfte auch den deutschen Verbraucher treffen. Experten warnen, dass über kurz oder lang wichtige elektronische Bauteile knapp werden. Die Preise steigen schon.
Jeder zehnte Flachbildschirm weltweit kommt aus Japan
„Das Erbeben und der Tsunami in Japan können zu einem Mangel an bestimmten elektronischen Bauteilen führen“, stellten die Marktforscher von iSuppli fest und sie warnten: „Möglicherweise steigen die Preise für diese Geräte dramatisch.“ Für zwei Wochen reichten die Vorräte noch, dann werde es ernst.
Zwar steht auf der überwiegenden Zahl der Elektronikgeräte „Made in China“. Doch aus den japanischen Fabriken stammen oft wichtige Komponenten, ohne die die Chinesen nicht weiterarbeiten können. Laut iSuppli und TrendForce hat Japan einen Anteil an der gesamten Konsumelektronik von 17 Prozent. Jeder fünfte Chip auf der Welt stammt aus Japan und jeder zehnte Flachbildschirm.
Die Preise für Speicher-Chips sind bereits deutlich gestiegen
Besonders gut im Geschäft sind die Japaner bei Flash-Chips zur Datenspeicherung. Ohne diese Teile spielt kein MP3-Player, funktioniert kein Smartphone oder iPad und wird jede Digitalkamera nutzlos. Flash bildet auch das Herz eines jeden USB-Sticks. Japan hat einen Weltmarktanteil an diesen Speicherchips von 35 Prozent.
Auch potenzielle Käufer der Spielekonsole Nintendo DS oder von Handys des Herstellers LG könnten die Folgen der Naturkatastrophe zu spüren bekommen. Beide Firmen lassen Displays vom japanischen Konzern Hitachi herstellen. Dessen Fabrik befindet sich nahe am Erdbebengebiet, weshalb dort vorübergehend die Produktion ruht.
Die Atomkatastrophe in Japan hat gestern an den Börsen weltweit Kursstürze ausgelöst. In Tokio reagierten Anleger mit Panikverkäufen auf die Eskalation des Atomunglücks – die japanische Börse erlebte ihren höchsten Kursverlust seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor zweieinhalb Jahren. Der Leitindex fiel zeitweise um mehr als 14 Prozent. Seit dem Erdbeben wurden bislang mehr als 700 Milliarden Dollar (530 Milliarden Euro) an Werten an der Tokioter Börse vernichtet. Anleger hätten nahezu alles verkauft, was sich an Aktien in ihren Portfolios befunden habe, sagte ein Händler.
In Deutschland stürzte der Aktienmarkt mit einem Minus von mehr als fünf Prozent in der Spitze auf den tiefsten Stand seit Oktober 2010. Die Anleger reagierten hochnervös. Das spiegelte sich in enormen Schwankungen der Kurse wider. Die Schwankungsbreite am deutschen Markt kletterte auf den höchsten Stand seit Mitte 2010, als die Schuldenkrise in der Eurozone die Märkte durcheinander wirbelte. Die Kurse der Energie-Versorger Eon und RWE verloren im Dax zeitweise jeweils um rund fünf Prozent. Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sagte „Handelsblatt Online“, er rechne damit, dass die Aktien von Atomkonzernen auch langfristig niedriger bewertet würden. „Mit der Japan-Krise ist in der Tat zu erwarten, dass die Rolle der Atomindustrie weltweit ins Zwielicht gerät.“
Deutlicher als zum Wochenauftakt fiel das Minus an den europäischen Aktienmärkten aus. Der EuroStoxx 50 rutschte zuletzt um 2,64 Prozent auf 2776,73 Punkte ab, erholte sich dabei aber etwas von seinen Tiefstständen. Zwischenzeitlich stand der Leitindex so tief wie seit Dezember vergangenen Jahres nicht mehr. Auch die Kurse in Paris und London sackten ab.
Kräftig nach unten ging es auch an den US-Börsen: Der Leitindex Dow Jones büßte zum Handelsstart 1,73 Prozent auf 11 786,01 Punkte ein und auch an der Technologiebörse Nasdaq rutschten die Indizes um rund zwei Prozent ab.
Die Preise für einzelne Bauteile sind bereits kräftig gestiegen, auch wenn es noch gar keine Knappheit gibt, wie iSuppli feststellte. „Das sind die psychologischen Auswirkungen der Katastrophe.“ Am Montag, als sich die Lage in Japan immer weiter zuspitzte, verteuerten sich die Flash-Chips um bis zu 18 Prozent und gestern legten die Preise um weitere fünf Prozent zu.
Japan ist der wichtigste Lieferant für Silizium
Die drohenden Engpässe überraschen auf den ersten Blick, denn die Katastrophenregion im Nordosten Japans ist kein Industriezentrum. Entsprechend gering sind die direkten Schäden an den Werken, die zumeist weiter südlich stehen. Doch die Fabriken brauchen Strom – und der ist in Japan landesweit knapp. Toshiba kündigte bereits an, nur noch die nötigsten Systeme zu betreiben.
Konkurrenten anderswo auf der Welt können die Ausfälle in Japan nur zum Teil ausgleichen. Entweder ihre Fabriken arbeiten bereits am Anschlag oder das Bauteil ist zu speziell. Schlimmstenfalls könnte der Rohstoff der Branche knapp werden: Aus Japan stammt laut iSuppli 60 Prozent des weltweit verwendeten Siliziums. Ohne dieses Halbmetall läuft gar nichts in der Elektronikindustrie.





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