Nachruf: Der Düsseldorfer Komponist Jürg Baur ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

Bis zuletzt aktiv: Jürg Baur im Jahr 2008. (Archiv
Bis zuletzt aktiv: Jürg Baur im Jahr 2008. (Archiv

Bis zuletzt aktiv: Jürg Baur im Jahr 2008. (Archiv

Bernd Schaller

Bis zuletzt aktiv: Jürg Baur im Jahr 2008. (Archiv

Düsseldorf. Jürg Baur war ein zierlicher Herr mit klug-gewitztem Charakterkopf und einer bis ins hohe Alter bewahrten geistigen und körperlichen Quirligkeit. Bis zuletzt arbeitete der in Düsseldorf am 11.November 1918 geborene und hier lebende Komponist an neuen Werken und sorgte gleichzeitig rührig für ihre baldige Uraufführung.

In Düsseldorf und vielen umliegenden Orten erklang seine Musik, und meist wohnte Baur diesen Konzerten bei, eilte während des Schlussapplaus’ aufs Podium und verbeugte sich rasch und kurz. Nun ist Jürg Baur, der nie einen gebrechlichen Anschein machte, im Alter von 91 Jahren, wenige Monate nach dem Tod seiner gleichaltrigen Frau Brunhild, gestorben.

Im Sommer vergangenen Jahres hatte das Paar nach 65-jähriger Ehe Eiserne Hochzeit gefeiert. Als dann Baurs Frau einige Monate später gestorben war, traten bei dem Komponisten spürbare Veränderungen ein. Der Verfasser dieses Nachrufs war bis zuletzt mit Jürg Baur in Kontakt. Denn wir waren im Gespräch über das Erstellen eines biografischen Breviers mit Erinnerungen an frühe Jahre, Kriegserlebnisse und das mehrmonatige Leben in russischer Gefangenschaft.

Jürg Baur lernte zunächst das Tonsetzerhandwerk

Das letzte Telefongespräch vor einigen Wochen hatte einen Beiklang von Abschied oder genauer: von ängstlicher Unruhe. Das Gedächtnis lasse nach, und es sei mit einem Treffen nun Eile geboten, um noch an seinem Erinnerungsvermögen teilzuhaben. Leider sollte es zu dieser Begegnung nicht mehr kommen.

Jürg Baur war einer der letzten Komponisten vom alten Schlag. Das Tonsetzerhandwerk erlernte er in den 30er Jahren bei einem strengen Meister, dem Busoni-Schüler Philipp Jarnach in Köln. Mit der damaligen Neuen Musik in Berührung zu kommen war nicht leicht, ja heikel, da die Nazis die Entwicklungen der Moderne unterdrückten und die Beschäftigung mit "entarteter" Musik mit unverhältnismäßiger Brutalität sanktionierten. So musste auch Baurs Professor Jarnach, bei dem übrigens auch Kurt Weill Unterricht hatte, konservativer tun, als er war. Als nach Kriegsende der Staudamm der Avantgarde endlich brach, ließ sich auch Baur von der Moderne zeitweise mitreißen und komponierte einige Zeit experimentell.

Trotz moderner Anklänge besann er sich wieder auf Traditionelles

Zu den interessantesten Kompositionen Jürg Baurs zählen die symphonischen Werke mit dialog-artigem Traditionsbezug wie "Musik mit Robert Schumann" (1972), "Sinfonische Metamorphosen über Gesualdo" (1982) und "Sentieri musicali - Auf Mozarts Spuren" (1991).

Neben zwei jugendlichen und drei reifen Streichquartetten komponierte Baur sehr viele Werke für Bläser-Ensemble etwa die Choralsuite über "Erhalte uns Herr bei deinem Wort" für drei Trompeten und drei Posaunen (1950). Einen Ausflug in die Serielle Musik unternahm Baur mit dem Klavier-Zyklus "Heptameron" (1965).

Jürg Baur war der erste Komponist, der die Blockflöte in die Neue Musik einführte und mit der Studie für Altblockflöte "Mutazioni" (1962) erstmalig das Feld des Experimentellen betrat. Zentral ist auch die Stellung, die das "Concerto da camera" für virtuose Blockflöte und erweitertes Kammerorchester einnimmt.

Zu den bedeutendsten Auszeichnungen gehört das Rom-Stipendium in der Villa Massimo, wo sich Baur 1960 und 1968 jeweils ein Jahr lang aufhielt. 1969 bekam er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1994 den Musikpreis der Stadt Duisburg und 1997 den Ehrenring der Deutschen Schubertgesellschaft.

Doch ein extremer Avantgardist wurde Baur nie. Ab den 70er Jahren besann er sich auf die Tradition und komponierte Orchesterwerke, die sich mit Meistern wie Mozart, Schumann und Gesualdo auseinandersetzten. Neben der kreativen Musikproduktion arbeitete Baur auch im Lehrberuf. Er war Professor für Komposition in Köln und Düsseldorf und unterrichtete auch das von Studenten gefürchtete Fach Musiktheorie. Von 1965 bis 1972 leitete Baur als Direktor das damalige Robert-Schumann-Konservatorium (heute Hochschule). Er hat ganze Komponistengenerationen geprägt.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer