Christliche Kirchen machen auch Zielgruppenanalysen, um sich für die Zukunft zu rüsten.

Ein afrikanischer Gottesdienst mitten in Flingern: Bei der „New Life Church“ wird ein Kind gesegnet.  Archiv
Ein afrikanischer Gottesdienst mitten in Flingern: Bei der „New Life Church“ wird ein Kind gesegnet. Archiv

Ein afrikanischer Gottesdienst mitten in Flingern: Bei der „New Life Church“ wird ein Kind gesegnet. Archiv

Pfarrer Uwe Vetter bietet in der Johanneskirche Glaubenskurse an, die stark nachgefragt werden. Archiv

Michaelis, Bild 1 von 2

Ein afrikanischer Gottesdienst mitten in Flingern: Bei der „New Life Church“ wird ein Kind gesegnet. Archiv

Düsseldorf. Als man sich in seiner Kirche einmal akribisch Zukunftsszenarien und Visionen für den deutschen Katholizismus ausmalte, sagte Kardinal Karl Lehmann einfach: „Letztlich legen wir unsere Zukunft zuversichtlich in Gottes Hand.“

Aber natürlich befassen sich beide großen christlichen Kirchen intensiv mit ihrer Zukunft – und setzen dabei auch auf sozialwissenschaftliche Zielgruppenanalysen, die jeder Marketing-Abteilung in der Wirtschaft zur Ehre gereichen würden.

Das große „Perspektivenpapier 2030“ der Evangelischen Kirche Deutschlands etwa regte vor allem organisatorische Reformen angesichts des demografischen Wandels und schwindender Finanzkraft („Wir werden weniger, älter und ärmer“) an.

Alarmiert haben die Kirchen auch in Düsseldorf Analysen, wonach nur noch drei von zehn gesellschaftlichen Milieus (Sinus-Modell) überhaupt für Kirche ansprechbar seien. Besonders bedrohlich ist, dass die Kirchen nun erstmals auch die Verbindung zu den Leitmilieus, also zu den Gruppen, die in unserer Gesellschaft den Ton angeben, zu verlieren drohen.

Für Henrike Tetz, die evangelische Superintendentin in Düsseldorf, ist klar, dass das komplette Kirchenangebot nicht aufrechtzuhalten ist: „2025 werden wir in Düsseldorf sicher an weniger Orten präsent sein – die aber werden offener, attraktiver sein“, sagt sie. Kirchen würden zu „echten Begegnungsstätten im Quartier“, die freilich auch eine „Begegnung mit dem Transzendenten ermöglichen“.

Die katholische Kirche hat in Düsseldorf aktuell etwa 195 000 Mitglieder, 1970 waren es noch 334 000. Evangelisch sind derzeit knapp 116 000 Menschen, vor 40 Jahren waren es mehr als doppelt so viele.

Bis zum Jahr 2030 rechnen beide Kirchen mit einem Mitgliederverlust von über 20 Prozent.

Konkret gehe es um das Zusammenleben vor Ort. Tetz: „Da wird Kirche in Zukunft noch viel stärker vernetzt sein, mit den Zentren plus, mit Stadtteilläden und anderen Anlaufstellen.“

Dass Glaube und Kirche vielgestaltiger, bunter daher kommen werden, liege auf der Hand: „Es muss Anpassungen an die Lebensumstände geben, wenn wir eng bei den Menschen bleiben wollen“, sagt die Superintendentin. Und auch wenn die Zahl der Gottesdienstbesucher weiter zurückgeht, an den Wendepunkten des Lebens bleibe die Kirchen für viele unverzichtbar.

Der oft beklagte religiöse Niveauverfall, die banale Sinnsuche mit dem esoterischen Baukasten (vgl. S. 21), schreckt Tetz nicht: „Einige unsere Gemeinden bieten wieder Glaubenskurse an, das Interesse daran ist sehr groß.“

Und auch die fremdsprachigen Kirchen in Düsseldorf von der koreanischen Gemeinde bis zur Presbyterian Church of Ghana mit ihren ganz anderen Feier-Ritualen sieht sie nicht als Konkurrenz: „Die sind oft Gäste in unseren Räumen, der Austausch wird in Zukunft noch intensiver.“

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