Nutzer im Forum schreiben über ein „Nazi-Problem“, Medien berichten von rechter Gewalt. Das Fanprojekt beobachtet die Situation „mit Sorge“.

Ultra-Stimmung in Block 42 – organisierte Gesänge und schwenkende Fahnen sind vorerst passé.
Ultra-Stimmung in Block 42 – organisierte Gesänge und schwenkende Fahnen sind vorerst passé.

Ultra-Stimmung in Block 42 – organisierte Gesänge und schwenkende Fahnen sind vorerst passé.

Christof Wolff

Ultra-Stimmung in Block 42 – organisierte Gesänge und schwenkende Fahnen sind vorerst passé.

Düsseldorf. In Aachen kapitulieren die Ultras vor steigender Gewalt rechtsextremer Fangruppen und lösen sich auf. Ein bis dato einmaliger Vorgang in Deutschland. Ein paar Tage später kündigen auch in Düsseldorf die Ultras – bekanntermaßen Hort vieler links orientierter Fans – an, ihre „organisierten Gruppenaktivitäten im Stadion einzustellen“.

In der Arena hatte schon die ganze Saison über die Gerüchteküche gebrodelt. Es war die Rede von Hooligans, die Ultras verbieten wollten, in „Ultras gegen Rechts“-Shirts in den Block zu gehen, von Hitlergrüßen im Stadion. Und von einem ehemaligen führenden Ultra, der aufgrund seiner antifaschistischen Positionierung niedergeschlagen wurde. Doch wer jetzt offen nachfragt nach dem angeblichen Rechtsruck in der Fankurve, der stößt vor allem auf eines: Schweigen.

Das ist zumindest seit der vergangenen Woche so. Die Onlineausgabe des Fußballmagazins „11 Freunde“ veröffentlichte unter der Überschrift „Comeback der Gewalt“ ein Konglomerat aus Vorfällen, die nahelegen, dass die heterogene Hooliganszene zunehmend von versprengten Rechtsextremen umworben wird. Laut dem Autor nutzen diese Anstifter die von den politisch gleichgültigen Hooligans proklamierte „Entpolitisierung“ des Fußballs, um antifaschistische Botschaften der Ultras aus dem Stadion zu verbannen. Wenn nötig mit Gewalt. Seither wird über das brisante Thema überall geredet. Aber nicht so gerne öffentlich.

Fans munkeln, dass die Ultras sich auch aus Angst zurückzogen

Das war zwischenzeitlich mal anders. Wer in das 95er-Forum schaut, kann nachlesen, dass Fans die Situation seit Monaten besorgt verfolgen. „Fakt ist, wir bekommen bzw. wir haben schon wieder ein Nazi-Problem im Stadion“, schreibt ein Nutzer. „Wo es früher nur vereinzelt Leute waren, ist es mittlerweile schon wieder eine Gruppe von ca. zehn bis zwölf Leuten (...). Wenn da nicht gehandelt wird, wird sich diese Gruppe nach und nach vergrößern und was dann bei uns im Stadion abgehen wird, möchte ich mir gar nicht ausmalen.“

Ist es jetzt so weit, dass die neue Entwicklung Folgen hat? Die Ultras selbst haben inzwischen offiziell erklärt, ihr Rückzug habe nichts mit Konflikten innerhalb der Fanszene zu tun. Aber ist das die volle Wahrheit oder auch ein Ausdruck von Angst, wie mancher Fan im Forum munkelt?

Fanforscher: Gruppen, die sich positionieren, nicht allein lassen

Die strikt antifaschistischen Aachen Ultras (ACU) haben sich Mitte Januar offiziell zurückgezogen, nachdem es immer wieder Konflikte mit der abgespaltenen Karlsbande Ultras (KBU), bei der auch rechtsextreme Fans ein Zuhause gefunden haben, gab. Die Ultras fühlten sich auch vom Verein im Stich gelassen.

 

Auch die Karlsbande versteht sich als unpolitisch – was bedeutet: So lange rechtsextremistische Fans im Stadion ihren Mund halten, werden sie geduldet. Aber diese setzen die Entpolitisierung auch gegenüber den linken Fans durch – mehrfach kam es in Aachen zu Übergriffen, sogar zu Massenschlägereien.

Bei der Polizei ist bislang nur aktenkundig, dass beim Auswärtsspiel in Mainz ein Fortuna-Anhänger den Kühnengruß – eine Abwandlung des Hitlergrußes und gleichermaßen verboten – gezeigt hatte. Von politisch motivierten Übergriffen auf linke Fans ist nichts bekannt.

Zwar beobachte man „eine Zahl von unter zehn Personen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie dem rechtsradikalen Spektrum angehören“, so Sprecher Marcel Fiebig. Eine rechtsextreme Szene oder ein offenes Machtstreben von Neonazis gebe es aber nicht. Es seien zwar einige im Stadion, aber „vereinzelt und versprengt“, heißt es auch von Fortunasprecher Tom Koster. Dennoch kündigt er an: „Wir werden dem wachen Auges nachgehen.“

Das tut man auch beim Fanprojekt des Jugendrings. „Mit dem Aufstieg von Fortuna sind vermehrt rechte Gruppen ins Stadion gekommen“, sagt Leiter Dirk Bierholz. „Wir beobachten das mit Sorge.“ So hätten Fans bei Spielen den Hitlergruß gezeigt, seien mit Kleidung der Marke Thor Steinar ins Stadion gekommen, die Neonazis als Erkennungszeichen dient. Auch NPD-Flugblätter seien verteilt worden. Man könne aber in der Tat nicht von rechtsextremen Strukturen in der Fanszene sprechen.

Vielmehr registriert auch Bierholz eher eine Entpolitisierung der Fans – „ein Bundestrend“, sagt er. Und auch er sieht die Gefahr, dass diese Entpolitisierung einen Nährboden für Kräfte von Rechts bildet, die sich unter diesem Deckmäntelchen in die Kurven voll junger Menschen schleichen. Insofern könnte der Rückzug der Ultras in der Tat ein gefährliches Vakuum schaffen.

Die Vorgänge in Aachen und in Düsseldorf – obwohl beide Städte und Fanszenen nicht ansatzweise zu vergleichen sind – bewertet Gunter A. Pilz, Leiter der Kompetenzgruppe zur Fankultur an der Uni Hannover, als „besorgniserregend“. Es gehe nicht, „dass Gruppen, die offen Zivilcourage zeigen, allein gelassen werden. Man muss sich klar gegen Extremismus positionieren.“ Eben dies werden die Düsseldorfer Ultras vorerst nicht tun. Weshalb auch immer.

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