Von Karl-Gerhard Deußen
mit einem Kommentar von Karl-Gerhard Deußen
Über 1000 Stahlarbeiter gestern in Essen. Heute ist Sitzung des Aufsichtsrats.
Nirosta-Mitarbeiter an der Mahnwache vor Tor 2 (l.) und bei der Demo in Essen. Heute um 13.30 Uhr geht’s ab Tor 2 erneut nach Essen.
Krefeld. Ist Dienstag der Tag der Entscheidung? Um 17 Uhr kommt der Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung in Essen zusammen. Beraten wird der vorgesehene Verkauf der Edelstahlsparte an den finnischen Konzern Outokumpu. Ob auch entschieden und es zu einer Kampfabstimmung kommen wird, ist offen. Deshalb ist am Montag im Essener Hotel Atlantic zwischen den Arbeitnehmervertretern und der IG Metall sowie den Managern von Outokumpu unter Hochdruck weiter verhandelt worden.
Nirosta-Mitarbeiter aus Krefeld stellten die stärkste Delegation
Um 12 Uhr fuhren in Krefeld ab Tor 2 von Nirosta 14 Busse mit 700 Nirosta-Stahlarbeitern nach Essen, um mit den Kollegen aus drei anderen Standorten – insgesamt über 1000 waren vor dem Hotel – die Forderungen der Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter zu unterstützen. Mit im Bus: der Krefelder DGB-Vorsitzende Ralf Köpke, Ralf Claessen, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Krefeld, und Bernd Börgers, der als Gewerkschaftssekretär diese Busfahrt organisiert hat. Mit dabei waren auch 20 Mitarbeiter des Spezialchemie-Konzerns Lanxess, die aus Solidarität mitfuhren.
Turnusmäßig, aber jetzt unter völlig anderen Vorzeichen, sind für Mittwoch um 10, 15 und 17.30 Uhr Belegschaftsversammlungen von Nirosta im Seidenweberhaus angesetzt. „Ob und wie sie stattfinden oder ob es am Gelände an der Oberschlesienstraße zu Protesten bis hin zu Werksbesetzungen kommt, kann zurzeit niemand beantworten“, sagt Ralf Claessen. Zu viel hängt von den Verhandlungen ab, bei denen die Arbeitnehmerseite gestern zu verlässlichen Zusagen kommen wollte.
Dementsprechend angespannt waren die Verhandlunen, zumal die finnischen Vertreter auch gestern nicht bereit waren, bisher tariflich zugesagte Sicherheiten für die Arbeitsplätze fortzuschreiben, hieß es. Weitere Verhandlungen heute Morgen sind nicht auszuschließen.
DGB-Vorsitzender Ralf Köpke ist dabei enttäuscht, dass in der gesamten Verhandlungszeit vom Thyssen-Krupp-Konzern nichts zu hören war: „Da hätte ich viel mehr erwartet.“ Der Aufsichtsrat ist paritätisch besetzt mit zehn Aktionärs- und zehn Arbeitnehmervertretern. Falls es bei einer Abstimmung zum Patt kommen sollte, hat Gerhard Cromme als Vorsitzender doppelte Stimme.
E-mails Von der Brauerei Königshof kamen Unterstützungsmails an die Beschäftigten in Stahldorf, gemailt haben auch die Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die Vodafone-Vertrauensleute der IG Metall und die Piraten-Partei. Aus Spanien wurde die Solidarität der CC.OO übermittelt, einer von zwei bedeutenden Gewerkschaftsbünden und Mitglied im Europäischen Gewerkschaftsbund.
Brief Am Montag haben 60 Betriebsleiter von Nirosta an Vorstand und Aufsichtsrat des Konzerns einen Brief geschrieben, dessen Inhalt auf der Demo in Essen vorgelesen wurde: „Aus unserer Sicht ist die Thyssen-Krupp AG in den Verhandlungen mit Outokumpu dabei, jahrzehntelang erworbenes Werkstoff- und Verfahrens-Know-how abzugeben. Die Marke Nirosta hat einen hervorragenden Ruf – weltweit.(. . . ) Aber: Entwicklung und Erprobung zukunftsträchtiger Werkstoffgüter geht nur mit Flüssigphasen – in Bochum und Krefeld. (. . .) Wir appellieren an Sie: Erhalten Sie die Nirosta! Deutschland droht die Technologieführerschaft im Edelstahlbereich zu verlieren.“
Extreme Sorgen um das Krefelder Nirostawerk macht sich mit vielen Stahldorfern auch Marion Linder, Vorsitzende des Bürgervereins. Sie war wie viele andere in der Vorwoche bei der Demo und beim Gottesdienst vor Tor 2. „Ich habe festgestellt, dass viele, die gegen das Stahlwerk gewettert haben, über die mögliche Schließung sehr betroffen sind“, sagte sie gestern zur WZ. Gestern haben vier Nirosta-Vertreter einen Brief mit 700 Unterschriften an der Villa Hügel für Prof. Berthold Beitz übergeben, in dem sie ihn um Hilfe bitten. Beitz ist unter anderem Vorsitzender und geschäftsführendes Mitglied des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung.
Kommentar
Krefeld kann der große Verlierer werden
Krefeld. Falls das, was von vielen Beobachtern für den Wochenbeginn vorausgesagt wird, wirklich eintritt, muss man für den Stahlstandort Krefeld das Schlimmste befürchten: mehr



