Von Hanna Ziegler
mit einem Kommentar von Wolfgang Radau
Der Monheimer Landwirt Heinz-Josef Muhr will vor Gericht die CO-Pipeline stoppen. Heute beginnt der Prozess.
Heinz-Josef Muhr vom Neuverser Hof in Monheim. Er steht auf einem der Felder, unter dem die CO-Pipeline verläuft – direkt an der A 59/Abfahrt Richrath.
Monheim. Heinz-Josef Muhr klettert aus seinem Geländewagen auf dem schmalen Schotterweg. In einigen Metern Entfernung rauscht Auto um Auto an dem Feld an der A 59 vorbei. „Hier“, er zeigt auf einen gelben Pfeiler am Rand des Zuckerrübenfeldes, „verläuft die Pipeline.“ Etwa 1,50 Meter unter dem Acker soll nach dem Willen des Chemiekonzerns Bayer so schnell wie möglich Kohlenmonoxid (CO) entlang fließen.
Städte im Kreis haben die Klagefristen versäumt
Der alte Mann versucht das zu verhindern – seit vier Jahren. Heute beginnt der Prozess gegen das Planfeststellungsverfahren von 2007 vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht. Der 77-jährige Muhr ist einer der Kläger. Unterstützt wird er in dem Rechtsstreit von der Stadt Monheim. Der Grund ist so simpel wie peinlich: Klagen darf nur, wer Land hat, durch das die Pipeline verläuft. Das sind nur wenige Bürger. Zudem haben die Städte im Kreis die Klagefristen versäumt. Heinz-Josef Muhr nicht.
Und er ist hartnäckig: „Ich gehe bis nach Karlsruhe, wenn es sein muss.“ Dazu verpflichtet er sogar die Erben seines Hofes – falls er es nicht mehr selbst schafft. „Für mich ist das zu einer Art sozialer Aufgabe geworden“, sagt Muhr. Eine kleine Rebellion gegen den großen Chemieriesen. 500 bis 600 Meter lang ist das Trassenstück, das auf den Grundstücken von ihm und seiner Frau Helga verläuft. Insgesamt ist die Trasse zwischen den Werken Krefeld-Uerdingen und Dormagen rund 68 Kilometer lang.
„Diese Arroganz, mit der Bayer auftritt, ist unglaublich“, sagt Muhr. Die anderen Bauern in Monheim haben die Wertminderung ihrer Grundstücke akzeptiert. „Ich bin mir sicher, dass viele von dem Auftreten eingeschüchtert wurden.“
Heinz-Josef Muhr ist kein Sozialromantiker oder Umweltaktivist. Im Flur seines Hauses hängen Jagdtrophäen. „Ich bin bestimmt nicht industriefeindlich, aber wenn es um das Leben von Menschen geht, dann ist es vorbei.“ Um ein Menschenleben gäben die von Bayer nicht viel. Das habe das Verhalten des Konzerns etwa beim Thema Kampfmittelräumung auf einigen Trassenstücken gezeigt.
Bei einem Rohrbruch wären 30 000 Menschen in Monheim gefährdet
In einer Mitteilung äußerte sich die Bezirksregierung Düsseldorf 2007 wie folgt zu ihrem Planfeststellungsbeschluss.
Strecke:
„Die CO-Leitung erstreckt sich von Köln-Worringen bis Krefeld-Uerdingen über eine Länge von circa 68 Kilometern. Die Leitungstrasse quert zweimal den Rhein, jeweils zu Beginn und Ende in der Nähe der Bayer-Werke Dormagen im Süden und Uerdingen im Norden.“
Notwendigkeit:
„Der Zweck der Leitung ist die Herstellung eines Kohlenmonoxidverbundes zwischen den beiden Werksstandorten. Das Kohlenmonoxid dient als Grundlage für die Erzeugung von hochreinen Kunststoffprodukten.“
Entschluss:
„Dabei wurde besonderer Wert auf die Einhaltung der maßgeblichen technischen Regelwerke und Sicherheitsbelange gelegt. Hierzu gehört, dass die Leitung erst in Betrieb genommen werden darf, wenn ein abgestimmtes Sicherheitskonzept vorgelegt worden ist. Außerdem muss zur Vorsorge gegen Gasaustritt ein System zur Erkennung und Ortung kleinster Schadensorte angewendet werden.“
Direkt vor der Terrasse der Muhrs verläuft ebenfalls ein Stück der CO-Leitung. „Da, wo der Baum steht.“ Sollte dort ein vier Millimeter großes Leck entstehen, bedeutet das für die Muhrs Lebensgefahr. In einem Radius von 57 Metern würde sich das geruchlose, hochgiftige Gas in einer gefährlichen Konzentration ausbreiten. Von diesem Wert geht das Gisworks-Gutachten aus, das vom Kreis Mettmann in Auftrag gegeben wurde. Bei einem Vollbruch würde sich dieser Radius auf 1500 Meter ausweiten. Betroffen wären in Monheim dann knapp 30 000 Menschen. „Da ist dann kein Leben, nichts mehr“, sagt Muhr. Eine Flucht ist fast unmöglich. Man atmet das Gas unbemerkt ein. Dadurch wird die Sauerstoffaufnahme im Blut blockiert. „Man kann nicht einmal mit dem Auto flüchten, weil auch der Motor keinen Sauerstoff mehr bekommen würde – abgesehen vom Verkehrschaos.“ Diese Verantwortungslosigkeit macht den 77-Jährigen fassungslos.
„Wenn ich nicht klagen würde, wäre das ja unterlassene Hilfeleistung.“ Hauptgrund sei jedoch die Angst vor dem tödlichen Gas.
Doch da ist noch mehr. Die Grundstücke an der Trasse werden für die Besitzer wertlos, weil unverkäuflich. Noch wütender als auf den Konzern ist Muhr auf die Politik. Um den Weg für die Pipeline frei zu machen, wurde ein Enteignungsgesetz zugunsten von Bayer verabschiedet. Unlängst wurde dieses vom Oberverwaltungsgericht Münster als nicht zulässig erklärt. Somit darf zwar vorerst weiter an der Leitung gebaut werden, Gas darf aber nicht durch sie fließen.
Viele Hoffnungen hatten die Pipeline-Gegner in die neue, rot-grüne Landesregierung gesetzt. Doch: „Die anfänglichen Versprechen sind pflaumenweich geworden“, moniert der Bauer.
Heute um 9 Uhr geht der Kampf in die nächste Runde. Am Ende wird sich entscheiden, ob jemals Gas fließen wird.
Kommentar
CO-Pipeline: Ein salomonisches Urteil, aber viele Fragen
Der Bayer-Konzern hat auf einer 67 Kilometer langen Strecke zwischen Dormagen und Uerdingen viel Geld vergraben. Millionen Euro für eine Röhrenverbindung zum Transport von Kohlenmonoxid, das zur Herstellung von Kunststoffen benötigt wird. mehr




