Von Tom Krebs und Peter Korall
Nach dem Verschwinden eines Niederländers in Nettetal warnen Experten eindringlich vor dem Betreten gefrorener Flächen.
Niederrhein. Die Szene hat schon etwas Bizarres: Zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern betreten das Eis eines Sees in Nettetal-Lobberich. Wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem einen Tag zuvor wahrscheinlich ein Mann ums Leben gekommen ist, weil er Schlittschuh laufen wollte.
Ihren Nachwuchs an den Händen tasten sich die Frauen langsam vor. Zwischenzeitlich freuen sie sich darüber, dass die Kinder sich ganz ohne fremde Hilfe auf dem rutschigen Untergrund bewegen und sogar zur Schlitterpartie ansetzen.
„Auch wenn sich durch die niedrigen Temperaturen erste Eisschichten gebildet haben, sollten diese auf keinen Fall betreten werden.“
Dirk Rütten von der Stadt Mönchengladbach
Die schwache Wintersonne steht tief am Himmel und taucht den zugefrorenen See in warmes Licht. Dünner Schnee glänzt auf dem Eis, bis auf den beißenden Wind ist es ganz still. So schön die klirrende Kälte derzeit auch ist – so gefährlich kann sie werden. Aus der malerischen Idylle wird schnell tödlicher Ernst, wenn Menschen leichtsinnig werden. So leichtsinnig wie der 43-jährige Niederländer, der am Freitag auf einem der Krickenbecker Seen trotz Warnung eines Passanten Schlittschuh lief und später als vermisst gemeldet wurde.
Die Suche nach dem Mann wurde nach zwei Tauchgängen und Hubschraubereinsätzen eingestellt. Weiterhin warnen Polizei und Feuerwehr eindringlich davor, zugefrorene Gewässer zu betreten. Die Kreispolizei Viersen hatte in den vergangenen Tagen, mehrere Einsätze, bei denen Menschen vom Eis geholt und entsprechend ermahnt wurden.
„Für Laien ist es schwer zu beurteilen, wann eine Eisfläche wirklich tragfähig ist“, sagt der Biologe Peter Kolshorn von der Biologischen Station Krickenbecker Seen, die nur wenige hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt liegt. Daher sei eine Prüfung der Eisdicke durch einen Profi unerlässlich – erst dann gibt, wenn überhaupt, eine Behörde ein zugefrorenes Gewässer für Eissport-Fans frei.
Hilfe: Wenn jemand auf Eis einbricht, sofort den Notruf 112 wählen und Hilfe anfordern. Passiert das Unglück in Ufernähe, keinesfalls selbst aufs Eis gehen, sondern mit Hilfe von Gegenständen (Äste, lange Stöcke) vom Ufer aus helfen. Das gilt auch bei Tieren – gestern musste die Feuerwehr einen eingebrochenen Hund aus einem Gewässer in Brüggen retten.
Suche: Die Suche nach dem 43-Jährigen, der in Nettetal auf dem Eis unterwegs war, wurde am Samstag offiziell eingestellt. Mitte bis Ende der Woche wollen die Einsatzkräfte weitersuchen. Wenn es nicht mehr friert, kann das Abtauen der Seen etliche Tage dauern. Erst dann wäre eine Bergung sicher möglich.
Warum aber ist ein See gefährlich? „Wenn Sie ein mit Wasser gefülltes Behältnis in den Eisschrank legen, kommt die Kälte von allen Seiten und das Wasser wird schnell zu Eis. Bei einem Gewässer kommt die Kälte nur von oben. Deshalb friert es langsamer zu“, erklärt Kolshorn. Fließbewegungen wie in den Krickenbecker Seen – dort fließen Nette und Renne durch – verlangsamen die Eiskristallbildung zusätzlich.
Auch die Städte und Kreise der Region sind nicht erst seit dem Unglück in erhöhter Alarmbereitschaft. „Eine Freigabe der Eisflächen wird es zu keiner Zeit seitens der Stadt Krefeld geben“, sagt Marion Wasin vom Presseamt. Weder Elfrather See noch Stadtwaldweiher oder sonstige Gewässer seien betretbar, führt Wasin weiter aus.
Feuerwehrtaucher Jörg Hein leitete die Suchaktion
Die Stadt Mönchengladbach hat Verbotsschilder aufgestellt. Polizei und kommunaler Ordnungsdienst mussten schon mehrmals ausrücken, weil Kinder auf Seen Schlittschuh liefen. „Auch wenn sich durch die niedrigen Außentemperaturen erste Eisschichten gebildet haben, sollten diese auf keinen Fall betreten werden“, sagt Pressesprecher Dirk Rütten.
Feuerwehrtaucher Jörg Hein leitete die Suchaktion in Nettetal. Er weiß, was passiert, wenn jemand durchs Eis in das kalte Wasser einbricht: „Bleibt der Kopf über Wasser, so gerät der Mensch in Panik, strampelt mit Armen und Beinen. Maximal hat er dafür drei Minuten Kraft. Die Körpertemperatur sinkt, der Mensch wird bewusstlos.“
Gerät der Kopf unter Wasser, kann ein sogenannter Stimmritzenkrampf die Folge sein. „Das bedeutet, dass die Atemwege verschlossen werden und man sozusagen trocken ertrinkt, also erstickt“, erklärt Feuerwehrtaucher Jörg Hein die tödliche Gefahr beim Gang aufs Eis.
