Von Hanna Ziegler
Das Schmallenberg-Virus hat 60 Tiere im Kreis Viersen getötet. Für den Züchter geht es um die Existenz.
Im Zuchtbetrieb von Dirk Wolter ist das Schmallenberg-Virus aufgetreten.
Kreis Viersen. Dirk Wolter hebt eine weiße Plane an. Darunter liegen einige braune Lämmer. Wieder einmal. Für den 39-jährigen Kempener ist dieser Anblick schon so etwas wie Routine geworden. Mittlerweile sind es rund 60 neugeborene Schafe, die seit Ende Dezember in seinem Stall verendet sind. Seit zwölf Jahren züchtet er Schafe. „Aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Wolter.
Es war um Weihnachten, als der Landwirt bemerkte, dass etwas nicht stimmt. Nach zwei Totgeburten kamen an einem Tag gleich zwei missgebildete Lämmchen zur Welt. „Da habe ich schon geahnt, was es ist.“ Kurz vor Silvester folgte die Bestätigung durch das Veterinäruntersuchungsamt in Krefeld: Unter seinen Tieren grassiert das Schmallenberg-Virus.
Für Menschen ist die Krankheit nach jetzigem Wissensstand ungefährlich
Der 300 Tiere zählende Bestand von Dirk Wolter ist offiziell der erste im Kreis Viersen, der von dem Virus betroffen ist. Doch er weiß von drei weiteren mutmaßlichen Fällen im Kreisgebiet. „Die wurden von den Züchtern aber nicht gemeldet.“ Dazu sind sie auch nicht verpflichtet.
Bundesweit sind bis zum 1. Februar aus 215 Betrieben Fälle der Krankheit gemeldet worden – 136 Höfe sind allein in NRW betroffen. Erkrankt sein können neben Schafen auch Ziegen und Rinder. Der Erreger wirkt sich aber vor allem auf die Föten von Schafen aus. Die Folge sind schwere Missbildungen sowie Tot- und Fehlgeburten.
Für Menschen ist die Krankheit „nach derzeitigem Wissensstand ungefährlich“, sagt Dr. Barbara Heun-Münch vom Veterinäruntersuchungsamt Krefeld. Die staatliche Einrichtung ist für die Regierungsbezirke Düsseldorf und Köln zuständig. Bislang sind dort 177 Tiere mit Verdacht auf das Virus untersucht worden: zehn Rinder, zwölf Ziegen und 155 Schafe. 46 Ergebnisse (davon die von 45 Schafen) waren positiv. Wolters Einsendung war die Einzige aus dem Kreis Viersen.
Das Virus wurde nach dem Ort im Sauerland benannt, in dem es im November 2011 zuerst nachgewiesen worden ist. Es ist bislang in neun Bundesländern aufgetreten. Schwerpunkt sind NRW und Niedersachsen.
melden Im Veterinärwesen wird zwischen Melde- und Anzeigepflicht unterschieden. Die Meldepflicht dient nur der Erfassung einer Krankheit. Die Anzeigepflicht geht mit Bekämpfungsmaßnahmen einher. Helmut Theißen, Amtstierarzt des Kreises Viersen: „Die Meldung ist beim Schmallenberg-Virus noch keine Pflicht. Jedoch ist sie vorgesehen. Tierärzte sind schon jetzt dazu angehalten, Informationen über Fälle an die Veterinärbehörden weiterzugeben.“
prävention Tierhalter stehen der Infektion nahezu machtlos gegenüber. Sie können nur Insektenabwehrmittel einsetzten. Aber auch das ist nur bedingt wirksam.
Für den Schafzüchter aus Kempen bedeutet das Virus, das sich unbemerkt in seinem Stall eingeschlichen hat, eine existenzielle Bedrohung. Er schätzt den Verdienstausfall bislang auf etwa 30 Prozent. „Und das sind nur die Lämmer, die tot geboren wurden. Manche verenden erst nach zwei bis drei Wochen.“
Ein Impfstoff muss erst noch entwickelt werden
Deshalb muss der Schafzüchter erst einmal von seinen Rücklagen zehren. Doch wie lange er damit auskommen muss, kann ihm niemand sagen. Denn über die Krankheit und ihren weiteren Verlauf kann derzeit nur spekuliert werden. „Normalerweise behält man 15 bis 20 Prozent der Lämmer, um den Bestand jung zu halten. Das kann ich in diesem Jahr nicht machen, schließlich muss ich ja auch was verkaufen, damit Geld reinkommt.“
Viele Landwirte im Kreis Viersen sind verunsichert. „Weil keiner genau weiß, was weiter passiert“, sagt Peter Josef Coenen. Der Vorsitzende der Bauernschaft Kempen hofft, dass die Krankheit bald als Tierseuche anerkannt wird, denn nur dann können Wolter und andere betroffene Züchter auf Entschädigung hoffen. Einzige Möglichkeit, die Tiere künftig vor einem Befall zu schützen, ist ein Impfstoff – der muss aber erst noch entwickelt werden. „Normalerweise dauert es etwa ein Jahr, bis das Serum marktreif ist“, sagt die Expertin vom Veterinäruntersuchungsamt.
Über die Krankheit selbst ist erst wenig bekannt. „Übertragen wird das Virus wahrscheinlich durch Stechmücken“, sagt Heun-Münch. Die Tiere machen eine „relativ harmlose Infektion“ durch, die häufig nicht bemerkt werde. Erkrankte Rinder gaben beispielsweise weniger Milch.
Gefährlich wird die Infektion erst, wenn das gestochene Tier trächtig ist. „Passiert das im ersten Drittel der Trächtigkeit, werden die Lämmer tot, lebensschwach oder missgebildet geboren“, sagt die Tierärztin. Dirk Wolter hat nun immerhin Gewissheit darüber, was mit seinen Tieren nicht stimmt. Ihm bleibt vorerst nur die Hoffnung, dass die Lämmchen in der nächsten Saison wieder gesund geboren werden.
