Das Alleinerziehenden-Netz Wuppertal hat 8600 Betroffene befragt. „Mehr Betreuung für ältere Kinder“, wünschen sich zum Beispiel vier Mütter aus Wuppertal.

Schinkel, Uwe (schin)

Wuppertal. Vier Freundinnen, vier ähnliche Lebenssituationen: mehrere Kinder, berufstätig, alleinerziehend. Und voller Power, um diese Herausforderung zu meistern. „Ich komme nirgendwo rein und sage: Guten Tag, ich bin alleinerziehend – Hilfe“, sagt die dreifache Mutter Sabine Möller und lacht. Die vier Frauen sind sich einig: Der Spagat zwischen Kind und Job kann auch gelingen, wenn ein Elternteil fehlt – ein bisschen Unterstützung und Entgegenkommen dürfen allerdings nicht fehlen. Um zu erfahren, welche Angebote die Alleinerziehenden kennen, welche Probleme und Bedürfnisse sie haben, hat das Alleinerziehenden-Netz Wuppertal rund 8600 Betroffene angeschrieben. Mit einem Fragebogen sollte ermittelt werden, wie sie ihre Situation erleben.

„Die Fragen bezogen sich nur auf Kleinkinder“, findet Stefanie Alex

„Merkwürdig und oberflächlich“ fand Silke Florian allerdings die Fragen. „Es gab keine Möglichkeit, bei den Antworten in die Tiefe zu gehen“, kritisiert die zweifache Mutter. „Ich habe den Bogen voller Wut und Ärger ausgefüllt“, sagt Stefanie Alex, ebenfalls Mutter zweier Kinder. „Es ging nur um Mütter mit kleinen Kindern, unsere sind aber alle über zehn Jahre alt. Ich habe viele Bekannte mit älteren Kindern, die sich darüber aufgeregt haben.“ Sie habe den Eindruck, der Bogen sei lediglich an arbeitslose Mütter gerichtet, die schnell wieder eine Stelle finden sollen. „Es gibt aber viele stolze Alleinerziehende, die arbeiten gehen und patente Kinder haben“, sagt Alex. Um diese Gruppe und deren Bedarf an Unterstützung sei es nicht gegangen.

Diesem Eindruck widerspricht Katharina Maas-Kroemer vom Alleinerziehenden-Netz. „Ich empfinde die Fragen nicht als oberflächlich, und sie waren nicht nur an Menschen mit Kleinkindern gerichtet“, sagt sie. So habe man zum Beispiel nach Betreuungslücken in der Schule oder in den Ferien gefragt – ein Thema, das die vier Frauen ebenfalls sehr beschäftigt.

Wünsche: Flexiblere Arbeitgeber, Extra-Tarife für Alleinerziehende

Bis auf Sabine Möller haben die Freundinnen die Fragebögen ausgefüllt – und eine Reihe von Anregungen: „Wenn die Ferienbetreuung ab 10 oder 12 Uhr stattfindet, habe ich als Berufstätige davon nichts. Ich bekomme mein Kind da gar nicht hin“, sagt Silke Florian. Auch das Ferienangebot des Kinderzirkus Casselly sei für sie schwer machbar: Um Tickets zu ergattern, müsse man sich früh morgens anstellen.

Ein weiterer Wunsch aus der Frauenriege: „Mehr Flexibilität der Arbeitgeber“, sagt Silke Florian. „Wenn ich kurzfristig einen freien Tag brauche, kann ich das nicht immer zwei Wochen vorher ankündigen.“ „Besondere Tarife oder Rabatte für Alleinerziehende“ regt Stefanie Alex an. „Das gibt es für Senioren, Schüler und Hartz-IV-Empfänger – warum nicht auch für uns?“

Im vergangenen Oktober haben Vertreter verschiedener Organisationen und Institutionen das Netzwerk für Alleinerziehende gegründet. Ihm gehören unter anderem die Stadt, das Jobcenter, die Bergische Volkshochschule, die Verbraucherzentrale und verschiedene Beratungsstellen an. Ein zentrales Thema für das Netzwerk ist die Kinderbetreuung.

Der Fragebogen wurde an 8600 Alleinerziehende geschickt, 1400 wurden ausgefüllt, 400 Teilnehmer sind zu vertiefenden Interviews bereit. „So viele können wir in unserer personellen Situation gar nicht führen“, sagt Katharina Maas-Kroemer vom Netzwerk. Die Auswertung läuft, dazu arbeitet das Netzwerk mit dem Amt für Statistik und Wahlen zusammen. Am 18.  September will das Netzwerk in einem Plenum erste Ergebnisse besprechen. „Mit 1400 Antworten haben wir eine repräsentative Quote“, so Maas-Kroemer. „Damit können wir uns an die Politik wenden und schauen, was es für Möglichkeiten zur Verbesserung gibt.“

Von den 8600 Alleinerziehenden sind laut Maas-Kroemer die Hälfte Hartz-IV-Empfänger. „Die Frauen wollen arbeiten“, sagt Maas-Kroemer. „Oft scheitert es an dem engen Betreuungsrahmen.“

Ein weiteres großes Thema sind für die vier Frauen die Öffnungszeiten. „Ich würde gerne auch nach 20 Uhr noch etwas erledigen können“, wünscht sie sich und zählt Ämter, Werkstätten und Ärzte als Beispiele auf: „Ich brauchte kürzlich für meinen Sohn einen Termin beim Kieferorthopäden – 16.30 Uhr war der späteste. Das bedeutet für mich Stress und eine unglaubliche Logistik.“

Mehr Betreuung, auch für ältere Kinder, wünscht sich Anita Laszig

Anita Laszig pflichtet ihr bei: Sie habe vor kurzem wegen des Kindergeldes zur Stadtverwaltung gemusst. „Aber wie soll ich da vorbeigehen, wenn die Verwaltung nur bis mittags besetzt ist?“ Lösungsvorschlag: „Nicht nur U3 ausbauen, sondern flexiblere Betreuungszeiten anbieten, auch für ältere Kinder und auch mal bis 19, 20 Uhr“, schlägt Alex vor.

„Einen Zehnjährigen nach der Schule nach Hause schicken und dort bis abends allein lassen ist ein bisschen viel“, bestätigt auch Anita Laszig. Ihr Fazit: „Eine gute Betreuung ist Gold wert.“

 

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