Mario Engelmann, Technischer Direktor der Bühnen, führt die WZ noch einmal durchs Theater.

Seit 1966 war das Treppenhaus Treffpunkt für Theaterbegeisterte. Seit 2009 stand dort die kleine Bühne. Die Aufgänge konnten deshalb nicht mehr genutzt werden.
Seit 1966 war das Treppenhaus Treffpunkt für Theaterbegeisterte. Seit 2009 stand dort die kleine Bühne. Die Aufgänge konnten deshalb nicht mehr genutzt werden.

Seit 1966 war das Treppenhaus Treffpunkt für Theaterbegeisterte. Seit 2009 stand dort die kleine Bühne. Die Aufgänge konnten deshalb nicht mehr genutzt werden.

Symbolträchtig: Die Uhr in der Kantine ist stehengeblieben. Auf ihr ist es „fünf nach zwölf“.

Aus Brandschutzgründen ist er nicht mehr bespielbar: Der große Saal ist seit 2009 für die Öffentlichkeit geschlossen – nur wenig Licht fällt in den Raum, in dem jahrzehntelang Theater gemacht wurde. Fotos (4): Uwe Schinkel

„Eldorado“ in Elberfeld: Anja Barth, Andreas Möckel und Bernd Kuschmann (von links) spielten 2005 auf der großen Bühne im Schauspielhaus.

Mario Engelmann in seinem früheren Büro: Das Schild, das die nächste Premiere ankündigt, wird im Schauspielhaus nicht mehr zum Einsatz kommen.

Schinkel, Uwe (schin), Bild 1 von 5

Seit 1966 war das Treppenhaus Treffpunkt für Theaterbegeisterte. Seit 2009 stand dort die kleine Bühne. Die Aufgänge konnten deshalb nicht mehr genutzt werden.

Wuppertal. Ob es symbolisch zu verstehen ist? Die Zeiger sprechen jedenfalls für sich: „Fünf nach zwölf“ ist es im Schauspielhaus. Die Uhr in der Kantine ist stehengeblieben. Wie ein stummes Mahnmal erinnert sie daran, dass die Zeit des großen Theaters an der Kluse abgelaufen ist.

Schon seit Jahren wird die Kantine nicht mehr genutzt. Seit dem 1. Juli ist auch der letzte Bereich des geschichtsträchtigen Gebäudes offiziell geschlossen: Die kleine Bühne im Foyer hat ihren Betrieb eingestellt. In wenigen Tagen ist die Schauspiel-Ära endgültig Vergangenheit: „Wir müssen und werden das Haus besenrein übergeben“, sagt Mario Engelmann, Technischer Direktor der Wuppertaler Bühnen, mit dem dezenten Hauch eines Schmunzelns – sein Blick streift den Boden, auf dem viel Staub, in der Tat aber auch bereits ein Besen liegt.

Auch dieser eigentlich alltägliche Gebrauchsgegenstand könnte ein Mahnmal sein, denn am 31. Juli geben die Wuppertaler Bühnen den Schlüssel ab – danach wird die Stadt der Leerstand des Gebäudes, dessen Zukunft ungewiss ist, pro Jahr rund 130 000 Euro kosten.

„Gesundheitsgefahr durch Schimmelbefall!“

Warnung auf einem Schild, das an der Tür zu Mario Engelmanns früherem Büro angebracht wurde.

Während 500 Gäste nach der letzten Vorstellung am 30. Juni wehmütig Abschied von einem liebgewonnenen Gebäude nahmen, in dem seit 1966 Theatergeschichte geschrieben worden war, sieht Engelmann die Sache schon von Berufs wegen anders. Wer denkt, dass er die „romantische Brille“ aufhat, wenn er durch die inzwischen leeren Gänge geht, irrt sich gewaltig. „Wir müssen uns auf das Neue konzentrieren“, betont der gebürtige Wuppertaler, der das sanierungsbedürftige Haus kennt wie kaum ein anderer. „Wenn wir hier stehenbleiben, kommen wir nicht weiter.“

Was ein denkbar passendes Stichwort ist: Aus dem Bereich, der vier Spielzeiten lang per Sondergenehmigung als Kleines Haus diente, geht es in die hinteren Räume, die aus Brandschutzgründen seit 2009 nicht mehr genutzt werden durften. „Die Heizungsanlage spiegelt den Zustand des Hauses“, sagt der Experte im Keller. „Es lebt nicht, es ist tot.“

1966 Eröffnung des neuen Schauspielhauses an der Kluse in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke mit „Nathan der Weise“. Premiere des ursprünglich zur Eröffnung vorgesehenen Schauspiels „Die Wupper“ von Else Lasker-Schüler am Tag darauf.
1988 Als Generalintendant löst Holk Freytag Jürgen Fabritius ab.
1996 Die Wuppertaler Bühnen und das Musiktheater im Revier (Gelsenkirchen) fusionieren zum Schillertheater NRW.
1999 Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch wird eine eigene GmbH und gehört nicht mehr der Schillertheater NRW GmbH an.
2000 Der neu gewählte Wuppertaler Stadtrat beschließt das Ende der Fusion mit Gelsenkirchen.
2001 Die Wuppertaler Bühnen GmbH entsteht neu mit den Sparten Oper und Schauspiel. Gerd Leo Kuck wird Generalintendant.
2003 Das Opernhaus wird sanierungsbedingt geschlossen. Beide Sparten der Wuppertaler Bühnen und das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch nutzen gemeinsam die Bühne des Schauspielhauses.
2009 Das sanierte Opernhaus wird feierlich wiedereröffnet. Zu Beginn der Spielzeit 2009/2010 treten zwei neue Intendanten an: Johannes Weigand (Oper) und Christian von Treskow (Schauspiel). Beide Sparten der Wuppertaler Bühnen und das Tanztheater nutzen gemeinsam die Bühne des Opernhauses. Zusätzlich wird eine neue Spielstätte mit 126 Plätzen, das Kleine Schauspielhaus, im Foyer des Schauspielhauses eingerichtet. Denn der große Saal im Schauspielhaus wird aus Brandschutzgründen geschlossen.

Der Umbau hat begonnen. Aus einer ehemaligen Lagerhalle wird ein Theater: Bis 2014 soll auf dem Gelände des Historischen Zentrums eine neue kleine Spielstätte entstehen. Die Zukunft des geschlossenen Gebäudes an der Kluse ist hingegen offen. Politisch diskutiert werden zurzeit zwei Modelle: Aus dem Schauspielhaus könnte ein internationales Tanzzentrum oder der neue Standort des Von der Heydt-Museums werden. Beide Varianten sehen einen Anbau vor und kosten jeweils rund 40 Millionen Euro – Geld, das die Stadt nicht hat.
 

Mario Engelmann kennt alle Höhen und Tiefen des Hauses. Als Beleuchter war der gelernte Energiegeräte-Elektroniker 1985 an die Bühnen gekommen, mittlerweile ist er zum Technischen Direktor aufgestiegen. Noch heute schwärmt der Wuppertaler von seinen ersten Vorstellungen mit Hans Richter, die er dienstlich auf der sogenannten Zuschauer-Brücke (Z-Brücke) hoch über den Köpfen der Zuschauer erlebt hat. Im Keller hingegen ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Die Heizungsanlage sei total veraltet – wie auch der Lift-Bereich. „Wenn man die Aufzugsanlage aus den 60er Jahren sieht, denkt man, man sei im Museum.“

Was nüchtern klingt, hat seinen Hintergrund: „Der Betrieb war in den vergangenen Jahren schwierig geworden. Die Heizung ging an jedem zweiten Tag nicht. Oder das Stellwerk ist ausgefallen. Einmal sind auch Rohre geplatzt und die Feuerwehr musste kommen.“ Engelmann seufzt erleichtert, aber auch respektvoll. „Man kann zum Gebäude stehen, wie man will. Aber Tatsache ist: Wir mussten immer mit Fehlern kämpfen. Ich bin froh, dass es vorbei ist.“

Romantik ist fehl am Platz: Die Technik ist überholt

Der Technische Direktor ist ohnehin keiner, der Dinge unter den Teppich kehrt – erst recht nicht im Schauspielhaus, in dem es ohnehin nicht mehr viel zu hüten oder verstecken gibt. Das große Auf- und Ausräumen hat begonnen – geht allerdings in kleinen Schritten vonstatten. „Ich habe versucht, parallel zum laufenden Betrieb im Opernhaus Mitarbeiter abzuziehen“, sagt Engelmann, der den Auszug organisiert. „Inventar, das man instand setzen kann, kommt ins Opernhaus“, erklärt der Mann in der Schlüsselposition, der für die WZ ein letztes Mal das Herzstück des Hauses, den großen Saal, aufschließt.

Das Bühnenmeisterbüro war der Dreh- und Angelpunkt

„Traurig, traurig“ hat jemand auf den „Eisernen Vorhang“ geschrieben – der Schutzvorhang schottet den Saal von der Bühne ab. Symbolisch könnte man die Farbwahl deuten: Grün wie die Hoffnung sind die Stühle im großen Saal nach wie vor. Schwarz waren hingegen die Vorhänge, die vier Jahre lang im Foyer hingen und den äußeren Rahmen für die kleine Bühne bildeten. Schon am Tag nach der letzten Vorstellung wurden sie abgehängt. Nun sieht man wieder, wie groß das Treppenhaus eigentlich ist.

Vorfreude auf die Vorzüge der neuen kleinen Spielstätte

Das nächste Symbol liegt auf dem Boden: Dass sich ausgerechnet in seinem früheren Büro ein Glückscent findet, entlockt Engelmann erneut ein leichtes Schmunzeln. „Ich war sehr gerne hier“, sagt er. „Am Bühnenmeisterbüro sind alle vorbeigekommen, die auf die Bühne wollten – und alle, die Sorgen hatten. Da hat man alles mitbekommen.“

Doch die Tage, in denen sein Zimmer „ein Dreh- und Angelpunkt“ war, sind längst vorbei. Und die Warnungen von heute enden stets mit einem Ausrufezeichen: „Toiletten nicht benutzen! Spülung ist vom Wasseranschluss getrennt!“, heißt es etwa. Auf einem anderen Schild lässt das Schadstoffteam des Gebäudemanagements grüßen: „Gesundheitsgefahr durch Schimmelbefall!“ Dagegen wirkt der Hinweis, dass der „Wandhydrant außer Betrieb“ ist, harmlos.

In der Damengarderobe haben einige wenige Kleiderbügel dem Zahn der Zeit getrotzt und „überlebt“. Sie hängen im Schrank, als kleide sie bald wieder ein Kostüm. An der Wand klebt auch noch eine Applausordnung aus dem „Eldorado“-Stück. Dort ist nach wie vor geregelt, wie die Schauspieler – „einzeln“, „paarweise“ und „von der Seite“ – zum Schluss-Beifall erscheinen und sich verbeugen sollen.

Und heute? Weiß Engelmann auch ohne funktionierende Kantinen-Uhr, was die Stunde geschlagen hat. „Ich freue mich auf die neue kleine Bühne, die gebaut wird. Dort wird es sein wie in einer anderen Welt. Auf jeden Fall wird die Heizung funktionieren.“

 

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