Das Gespräch führte Martina Thöne
Pina Bausch holte sie einst ins Tal: Julie Shanahan startet in ihre 25. Spielzeit am Tanztheater.
„Nur Du“: Julie Shanahan macht es sich auf dem Rücken ihrer männlichen Kollegen bequem. Das Pina-Bausch-Stück war im Mai 2012 im Opernhaus zu sehen.
Szene aus „1980“: Das Tanztheater stellte die aktuelle Version im vergangenen April in Barmen vor – 32 Jahre nach der Uraufführung.
Schinkel, Uwe (schin), Bild 1 von 2„Nur Du“: Julie Shanahan macht es sich auf dem Rücken ihrer männlichen Kollegen bequem. Das Pina-Bausch-Stück war im Mai 2012 im Opernhaus zu sehen.
Frau Shanahan, das Tanztheater Wuppertal hätte eine Goldmedaille verdient: Im kulturellen Vorprogramm der Olympischen Spiele in London hat das Ensemble mehr als 26.000 Zuschauer begeistert. Wie haben Sie – als Tänzerin – die insgesamt 20 Vorstellungen erlebt?
Julie Shanahan: London war ein absoluter Höhepunkt – und das zum Abschluss der Spielzeit. Die Gastspiele waren eigentlich wie eine Saison für sich selbst. Es war eine unglaublich aktive Zeit – und eine unglaubliche Herausforderung. Aber wie das immer so ist: Eine Herausforderung geht man am besten mit einer gewissen Lockerheit an. Umso größer ist dann auch die Freude, die man daran hat.
Dann war die Freude entsprechend groß?
Shanahan: Genau. Es war eine riesengroße Freude – nicht nur für uns Tänzer, sondern auch für das Publikum. Die Stimmung war wie bei den Olympischen Spielen.
„Das Stück, das ich gerade tanze, ist mein Lieblingsstück.“
Welche Reaktionen gab es konkret?
ulie Shanahan ist zurzeit im Opernhaus zu erleben: Das Stück „Two Cigarettes in the Dark“ wird heute und morgen um 19.30 Uhr aufgeführt. Die Vorstellung am Sonntag, 2. September, beginnt bereits um 18 Uhr. Restkarten gibt es an der Abendkasse und unter
www.wz-ticket.de
Mit Beginn der Spielzeit 2012/13 steht die „Palette“, Sedanstraße 68, an den Samstagen der Vorstellungswochenenden in Wuppertal ganz im Zeichen des Wuppertaler Tanztheaters. Nach den Stücken von Pina Bausch und der letzten Zugabe im Opernhaus können Zuschauer in der „Palette“ mit Prosecco, laufend servierten Kleinigkeiten aus der Küche, im Sitzen oder Stehen, in der Bar, im Atelier und bei schönem Wetter im Innenhof feiern (Kosten: 28 Euro pro Person). Reservierungen nimmt Birthe Benz unter der Rufnummer 25 01 630 entgegen.
www.galeriepalette.de
Shanahan: Manche haben gesagt: „Das war so schön. So bewegend. Wir haben während der Vorstellung geweint.“ Andere haben erzählt, dass sie alle Stücke gesehen haben. Besonders schön fand ich, was eine Zuschauerin am Ende sagte: „Das war wie Weihnachten jeden Abend.“ Es war eine ganz besondere Zeit, eine Achterbahn der Emotionen – für uns genauso wie für das Publikum. Das ist das, was eine Vorstellung letztendlich sein soll: ein menschlicher Kontakt, ein Austausch.
Wie oft standen Sie auf der Bühne, um diesen Austausch zu spüren?
Shanahan: In sechs von zehn Stücken.
Respekt!
Shanahan: Man muss bedenken, dass andere noch mehr Einsätze hatten. Ich hatte aber auch zwei Kinder dabei (lacht) . . . Am Ende war ich froh, dass die Ferien warteten. Denn in London herrschte buchstäblich Hochbetrieb. Wir haben ja in zwei Theatern gastiert. Und während auf der einen Bühne gespielt wurde, wurde auf der anderen schon die nächste Vorstellung vorbereitet.
Sie gehen in Ihre 25. Spielzeit und haben mit dem Tanztheater Wuppertal die ganze Welt bereist. Das britische Publikum ist Ihnen also vertraut. War die Atmosphäre denn anders als bei früheren Auftritten?
Shanahan: Es ist schon anders geworden. Die Zuschauer saugen alles auf, als sei eine Tür geöffnet. Sie sind so bewegt. Seit Pina nicht mehr da ist, wird es sogar noch emotionaler. Ich denke, es gab einen Schub durch den Film (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist Wim Wenders „Pina“-Hommage in 3D, die für den Oscar nominiert war). Der Film hat etwas bewegt. Vielleicht haben die Zuschauer durch ihn gelernt, anders zu sehen – durch Pinas Augen. Dieser Film hat eine Tür aufgemacht.
Was hat sich für Sie selbst im Laufe der Jahre verändert?
Shanahan: Wenn man so viele Jahre bei Pina ist, hat man gelernt, durch die Augen von Pina zu schauen.
In der Saison 2013/2014 wird es die erste Neuinszenierung seit dem Tod von Pina Bausch geben. Warten Sie erst einmal ab – oder sagen Sie stattdessen: „Endlich ist es so weit“?
Shanahan: Es ist immer an der Zeit für Neues. Nach dem Tod von Pina hat jeder von uns Neues gesucht – in sich selbst. Wir mussten uns unglaublich finden und entdecken – uns und unsere neuen Rollen. Es war eine sehr kreative Zeit. Es liegt jetzt an uns, Pinas tolle Arbeit lebendig zu halten.
„Man schaut anders in die Welt, wenn man schon so viel gesehen hat.“
Nun fällt der Startschuss zur neuen Saison. Was erwarten Sie von ihr?
Shanahan: Ich freue mich, dass es wieder losgeht. Andererseits denkt man: Schaffe ich das, oder schaffe ich es nicht? Wenn man anfängt zu arbeiten, fühlt man sich aber schnell wie eine Blume. Man blüht wieder auf. Man könnte auch sagen: Eine Flamme geht auf und man ist wieder da.
Haben Sie ein Lieblingsstück?
Shanahan: Es sind alles Lieblingsstücke – sobald man sie „anfasst“. Das Stück, das ich gerade tanze, ist mein Lieblingsstück. Man gibt alles, das jeweilige Stück ist in diesem Moment einfach „alles“.
Und „Two Cigarettes in the Dark“?
Shanahan: Ist ein feines, pointiertes Stück. Was ich schön finde, ist, dass auch sehr viel Stille in diesem Stück steckt. Überhaupt ist Pinas Arbeit unglaublich fein und geht immer bis ins letzte Detail.
Ist es ein anderes Gefühl, in Wuppertal auf der Bühne zu stehen – als irgendwo anders auf der Welt?
Shanahan: Schon, ja. Ehrlich gesagt: Es ist schön, bei internationalen Gastspielen absolut unerkannt auf die Bühne zu gehen. Alle schauen dich das erste Mal an. Das ist, als ob man das erste Mal ein Baby ansieht. Aber es ist auch schön, nochmal und nochmal vor dem Wuppertaler Publikum aufzutreten. Es ist schön, wenn die Zuschauer sagen, dass sie ein Stück schon vier-, fünf- sechsmal gesehen haben und dabei immer wieder Neues sehen. Ich werde selbst immer wieder gefragt: „Wie kann man so lange bei einer Choreografin bleiben?“ Die Antwort ist: Weil es jedes Mal, in jedem Stück, in jeder Probe, in jeder Aufführung etwas anderes, etwas Neues zu entdecken gab – und gibt. Das ist das, was Pina uns beigebracht hat: Wir können immer Neues entdecken. Gleichzeitig wird man im Laufe der Jahre reifer und weiß, dass man weitergegangen ist.
Dann stimmt die Mischung?
Shanahan: Ja, genau. Der Kern bleibt, aber man entwickelt sich weiter. Das ist das Schöne. Wenn ich in Australien bin, höre ich die Vögel und denke sofort an meine Kindheit. Die Erinnerungen kommen zurück – aber man hat sich eben doch verändert.
Was bedeutet Ihnen Wuppertal?
Shanahan: Es ist interessant. Wenn man zurückkehrt, merkt man: Es ist doch ein Stück Heimat geworden. Auf den ersten Blick ist Wuppertal unscheinbar. Wenn man es kennt, sieht man die vielen schönen Ecken und geheimen Winkel. Vor allem: Es gibt hier eine wunderschöne Natur. Als Australierin brauche ich Sonne und Luft auf der Haut. Ich liebe es, draußen zu sein.
Worauf freuen Sie sich in der neuen Saison besonders?
Shanahan: Ich lasse mich überraschen. Ich durfte mit dem Tanztheater schon so viele Orte kennenlernen. Das entspannt und beruhigt in gewisser Weise. Man schaut anders in die Welt, wenn man schon so viel gesehen hat. Ich freue mich einfach auf neue Begegnungen.
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