9. Dezember 2011 - 18:16 Uhr
Von Joachim Dangelmeyer
Der neue Film über den Stadtteil ist kein Imagestreifen und keine Doku, aber eine Liebeserklärung an das Viertel. Rund 200 Besucher kamen zum Open-Air-Kino.
Eisiges Freiluftkino auf Riesenleinwand: Rund 200 Besucher sahen die Premiere des Films über ihren Stadtteil Ratingen West.
Ratingen. Zugegeben: Gemütlich ist anders. Eiskalte Windböen und vereinzelte Regentropfen machten das Open-Air-Kino am Donnerstagabend in West nicht zum reinen Vergnügen. Bei rund 200 Besuchern, die sich an der überdachten Galerie des sanierten Himmelshauses drängten, überwog die Neugier. Schließlich sollte nicht nur der neue Film über ihr Viertel gezeigt werden, sondern das Ganze auch unter rekordverdächtigen Umständen.
Der Streifen wurde mit einem Hochleistungsprojektor direkt auf die fast 140 Meter entfernte Bauplane des gerade eingerüsteten Himmelshauses Jenaer Straße projiziert – 900 Quadratmeter Bildfläche. Mit Glühwein und Grillwürstchen wurde aus der Filmpremiere ein kleines Event. „Ich bin gespannt, was kommt“, sprach eine Besucherin den anderen aus dem Herzen, die sich am Glühweinbecher wärmten. Dutzende sahen den Film im Warmen von ihrer Wohnung aus.
Filmtitel: „hier im mittendrin – wir sind Ratingen West“
Nach wenigen Augenblicken waren Sturmböen und klamme Finger vergessen: Erfrischend locker und ungezwungen, aber immer authentisch und überzeugend erzählten Menschen aus dem Stadtteil in den gezeigten Interviews ihre Sicht auf West.
Die Zitate waren klare Bekenntnisse: „Wir halten hier eben noch zusammen“, „hier ist alles so bunt“, „das ist mein Zuhause“ und „Ratingen West ist Leben“ – die Interviewten sprachen aus, was die meisten im Viertel denken und fühlen. Von wegen anonyme Großwohnsiedlung, sozialer Brennpunkt oder „Klein-Chicago“. Allen Stereotypen und Negativurteilen zum Trotz: Die Westler lieben ihren Stadtteil und leben gerne hier. Und was Außenstehende als Problem ansehen – multikulti beispielsweise –, ist für die Menschen in Ratingen West eine Bereicherung. Das behauptet niemand, das sagen sie selbst – und es ist keine Minderheitenmeinung, wie das zustimmende Murmeln oder gar der offene Beifall der Zuschauer zeigte.
„Ich liebe es, so viele Sprachen um mich herum zu hören“
„Jeder kann hier Leute kennenlernen. Und ich liebe es, so viele Sprachen um mich herum zu hören“, sagte Ursula Schüssler (72), die seit 35 Jahren gerne in West wohnt. Sie gehört zu den sechs jungen und älteren Frauen, die die Straßeninterviews in dem Film geführt haben. „Infra West, die Kooperation zwischen LEG, Stadt und Schulen in West, haben den Streifen initiiert und gefördert. Seine Stärken liegen in der Überzeugungskraft und Echtheit der Befragten: Ob der türkische Händler, der deutsche Optiker, die Bäckereiverkäuferin aus Berlin, die junge Nepalesin, die nach sechs Jahren in West nicht mehr in ihre Heimat will, der Streetworker, der Bezirkspolizist oder gar der Bürgermeister, der einmal am Grünen See radelnd nicht erkannt, aber dafür spontan von wildfremden Menschen zu einer Grillwurst und einer Flasche Bier eingeladen wurde.
Filmemacher hatten 30 Stunden Gespräche im Kasten
Natürlich wurden die Schattenseiten und Probleme nicht ausgeblendet, aber man geht in typischer West-Manier anders damit um: „Die Kulturen und Religionen sollen mehr Kontakt haben, dann klappt das schon“, formulierte ein türkischer Geschäftsmann. Vieles Negative spiele sich nur in den Köpfen ab, erzählt eine junge Frau.
Von dem positiven Lebensgefühl waren auch die Filmemacher Patrick Waldmann und Martin Pfahl überrascht. Fünf Tage waren sie mit den Interviewerinnen im Stadtteil unterwegs, hatten anschließend 30 Stunden Gespräche im Kasten. „Der Film spiegelt das exakt wider. Da ist nichts geschönt“, versicherte Waldmann, der beim Drehen die große Freiheit genoss.