Tunnel-Bauleiter Marcus Friese fuhr gestern im Streifenwagen allen voran und übergab die beiden Röhren gemeinsam mit der Autobahnpolizei dem Verkehr.
Wuppertal. Ein letztes Mal war Marcus Friese gestern Morgen in "seinem" Tunnel unterwegs. Zu Fuß, in aller Stille. "Ich habe mich dabei ertappt, wie ich stehen geblieben bin", sagt der Bauleiter vom Tunnel Burgholz. Ein wenig habe er sich gefühlt, wie auch Franz Beckenbauer empfunden haben muss, als er in Gedanken versunken über den Stadionrasen schlenderte. Damals, 1990 in Rom, nach der gewonnenen Weltmeisterschaft. "Ein komisches Gefühl", sagt Friese. In wenigen Minuten sollen 44 Monate Arbeit in der Freigabe der Strecke für den Verkehr gipfeln.
Um kurz nach 9 Uhr hat der Bauleiter auf dem Beifahrersitz eines Streifenwagens Platz genommen. Der grün-weiße Opel der Autobahnpolizei soll das erste Fahrzeug sein, das einer langen Autoschlange voran offiziell in den neuen Tunnel einfährt. Und Marcus Friese will mit im ersten Wagen sitzen. Irgendwie, sagt er, sei es schließlich auch sein Tunnel. "Mal sehen, wie viele Autofahrer überhaupt hinter uns her fahren werden. Vielleicht müssen sich die Leute erst einmal an den neuen Weg gewöhnen."
Doch kaum sind die Signale auf Grün umgestellt und die letzten Absperrbaken von der Tunneleinfahrt nahe dem Sonnborner Kreuz weggeräumt worden, hat sich auch schon eine kleine Pkw-Schlange hinter dem Streifenwagen gebildet. Fünf oder sechs Autofahrer sind es innerhalb kurzer Zeit, die von der A 46 angebraust kommen und direkt zum Hahnerberg durchfahren wollen. "Geht doch", sagt Friese mit Zufriedenheit in der Stimme, als sich der Streifenwagen um Punkt 9.35 Uhr langsam und mit blitzendem Blaulicht in Bewegung setzt. Freigabe.
Es geht langsam voran. Der Tachometer zeigt schlappe 20 Stundenkilometer an, als sich die Eskorte bergauf in Richtung Hahnerberg bewegt. "Wegen der Sicherheit", begründet Ulrich Goy, der Mann am Steuer und Leiter der für die neue Strecke zuständigen Wuppertaler Autobahnpolizei, das Schneckentempo. "Falls wir noch einmal anhalten müssen, weil irgendetwas auf der Strecke nicht stimmt."
Noch einmal Inspektion der Fahrbahn, noch einmal schaut Friese in aller Ruhe nach links und nach rechts, auf die Notleuchten, auf die Kabel, Kameras und Sicherheitssensoren. Hin und wieder blickt der Bauleiter auch in den Rückspiegel, in dem die Blaulichter einiger nachfolgender Polizeiautos und weiter hinten die Scheinwerfer der ersten zivilen Autos im Burgholz-Tunnel aufblitzen. "Das erinnert mich an den ersten Stau vor der Tunneleinfahrt", sagt Friese und lacht. "Vor drei Jahren ging ein Bagger auf der Baustelle kaputt und 16 Lastwagen mussten in einer langen Reihe warten."
Jetzt klappt alles reibungslos. Friese hat nichts mehr auszusetzen an der Strecke, ohne Störung erreicht der Streifenwagen den Tunnelausgang und macht den Weg frei für den Verkehr. Von nun an gilt Tempo 60. "Meine erste Verkehrsfreigabe", sagt Friese erleichtert. Kurze Zeit später steht er an der Einfahrt der Nordröhre, beinahe schon ist alles eingespielt: Die Lichtsignale werden auf grün gestellt, die Warnbaken abgeräumt, wieder fahren Streifenwagen langsam voran. Freigabe der Strecke in Richtung Sonnborner Kreuz: 11.15 Uhr. "Keinerlei Störungen" steht im Protokoll.
Es ist kein großer Ansturm der Autofahrer, noch vereinzelt fahren sie aus dem Tunnel heraus. Doch dass sie überhaupt kommen, das ist für den Bauleiter die Hauptsache. Einen Moment lang steht er im Regen neben der Strecke, schaut den fahrenden Autos hinterher, verschränkt die Arme vor seiner orangefarbenen Warnjacke und grinst zufrieden. Der Mann wirkt stolz dabei, und er hat wohl auch Grund dazu: Soeben hat Marcus Friese seine WM gewonnen.
31.03.06Von Boris Glatthaar

