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FERNSEHEN

Verzweifelt müssen Katharina (Inka Friedrich) und Hans Kuhlke (Heino Ferch) mitansehen, wie sich die Grenze schließt. (Foto: ARD)

ARD-Film "Die Mauer - Berlin `61": Deutsche Geschichte ohne Klischee
Der ARD-Film "Die Mauer - Berlin `61" erzählt Historie fernab der üblichen Event-Movies als sensibles Drama. Ein Happyend gibt`s nicht.
Die Mauer; Arte, heute 20.40 und ARD, Mittwoch 20.15: Er grub den "Tunnel", überlebte "Lengede" und baute die "Luftbrücke" wenn es im deutschen Fernsehen um Tragödien oder Triumphe der deutschen Geschichte geht, wird Heino Ferch gern als strahlender Held gebucht. Dass er nicht nur Siegertypen drauf hat, beweist er eindrucksvoll in dem ARD-Drama "Die Mauer - Berlin `61", das heute um 20.40 Uhr auf Arte und am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. Ein mutiger und konsequenter Film.

Wohltuend leise erzählt Drehbuchautor und Regisseur Hartmut Schoen ("Der Grenzer und das Mädchen") von der deutschen Teilung und zeigt ohne jedes Klischee, dass Filme über deutsche Geschichte nicht zum "Event-Movie" und "Block-Buster" aufgeplustert werden müssen. In vergleichsweise bescheidenen 90 Minuten wird der Konflikt in einer denkbar einfachen Geschichte verdichtet, statt sich in Nebenhandlungen und -schauplätzen zu verlieren. So kompakt, unverfälscht und wirkungsvoll wurde Historie im geschichtsvernarrten deutschen Fernsehen selten aufbereitet.

In Schoens außerordentlichem Film manifestiert sich die Teilung Deutschlands innerhalb weniger Tage und Nächte im Schicksal einer Familie. Während der Ostberliner Pflasterleger Hans Kuhlke (Heino Ferch) und seine Frau Katharina (Inka Friedrich) in der Nacht zum 13. August 1961 bei Freunden in Westberlin Geburtstag feiern, übernachtet ihr Sohn Paul (Frederick Lau) bei einem Freund im Osten. Weil die Grenzen dicht gemacht werden und Hans zuvor durch Kupferschmuggel ins Visier der SED geraten ist, sitzen die Eltern plötzlich in Westberlin fest. Zurück bleibt Sohn Paul, der fortan zwischen Kinderheimen und SED-Funktionären hin und her geschoben wird.

Schoens Film ist eine fiktive Geschichte, die sich auf wahre Begebenheiten stützt. Tatsächlich hatten zahlreiche "Rabeneltern" (SED-Jargon) 1961 ihre Kinder im Osten zurückgelassen. Diese wurden in Heime gesteckt und zur Adoption freigegeben.

Präzise bleibt Schoens Blick auf seinen Figuren, die alle äußerst sensibel und gebrochen daherkommen. Subtil spielt Event-Movie-Wüterich Ferch diesen hilflosen Familienvater als schweigsamen Zauderer, der mitansehen muss, wie sich seine Frau zur Rettung des Kindes prostituiert.

Und auch Iris Berben gibt nicht die schöne Heldin, sondern eine zutiefst einsame Frau, die ihren Kummer in Alkohol ertränkt, aber zugleich mutig handelt und Verantwortung für den ihr fast fremden Paul übernimmt. Verloren irren diese Figuren durch eine grau-beige verwaschene Szenerie und schweigen mehr als sie sagen.

Was Schoens Film so wertvoll und mutig macht, sind drei Dinge: Erstens richtet er seinen Blick auf die traurige Regel des Schicksals einer auseinandergerissenen Familie, statt sich auf eine heldenhafte Ausnahme zu konzentrieren. Zweitens reduziert er alles auf den Kern der Emotionen, statt diese zwecks Effekthascherei mit unnötigem Bombast zu überladen. Die vielleicht mutigste Entscheidung ist jedoch, auf ein Happyend konsequent zu verzichten. Statt dessen entlässt Schoen den Zuschauer mit einem der traurigsten und wahrhaftigsten Sätze über die deutsche Teilung nachdenklich in die Nacht.

Regisseur und Drehbuchautor Hartmut Schoen über seine Intention: "Es war mir wichtig zu zeigen, wie die Politik plötzlich und unerwartet in das private Leben einfacher Menschen einfallen kann ein Trauma, vor dem wir alle Angst haben. Wie eine politische Entscheidung und die daraus resultierende Atmosphäre eine bis dahin unpolitische Kleinfamilie, Freunde, Nachbarn, ja eine ganze zivilisierte Gesellschaft, erfassen und zerstören kann. Man kann dies mit Statistiken (...) belegen, aber all das spricht ja nur unseren Kopf an. Das miterlebte Einzelschicksal dagegen trifft unser Herz."

29.09.06
Von Nicole Bolz