Nervenkitzel beim Publikum und Konzentration bei den Artisten: Balance par excellance. (Foto: Lothar Strücken)
Der Zirkus Charles Knie gastiert bis Sonntag am Sprödentalplatz und gibt zwei Vorstellungen täglich. Beliebt sind neben der Akrobatik die Dressurvorführungen.
Krefeld. Manchmal erliegt man der Versuchung, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Dem Strauß zum Beispiel: So sehr ihn der Dompteur Charles Knie auch anfeuert, in der Manege eine Runde nach der anderen zu drehen und das Publikum mit Hürdenspringen zum Staunen zu bringen zwischendurch genehmigt sich der große Vogel einfach eine Pause, trabt an den Manegenrand, lässt seinen langen Hals über das Geländer hängen, und beäugt die Zuschauer sichtlich neugierig.
Irgendwie arrogant wirken hingegen die Lamas, die ihre Schnauzen in die Höhe recken und von oben herab aus dunklen Augen in die Runde schauen, während sie in der Herde durch die Manege stolzieren. Übertroffen werden sie dabei nur noch von den Tauben, die divenhaft auf einer Art Karussell im Kreis fahren und dabei stolz ihr weißes Gefieder spreizen.
Die Vögel von Dompteurin Doriana Knie können aber noch viel mehr Radfahren auf einem Drahtseil beispielsweise, wie der Kakadu mit der gelben Haube eindrucksvoll beweist. Er chauffiert auf die Art und Weise einen bunt gefiederten Papagei, der auf einer Schaukel unter dem Gefährt hängt, auf die gegenüberliegenden Seite.
Mit am spektakulärsten bei der Premierenvorstellung des Zirkus Charles Knie auf dem Sprödentalplatz sind die Mähnenlöwen. Hinter einem schweren Gitter, das in der Pause zwischen Manege und Zuschauerplätzen gezogen wurde, scheint es so, als würden die Tiere, deren angespannte Muskelpakete sich unter dem braunen Fell abzeichneten, Machtspielchen mit ihrem Dompteur Puria Mahlouji austragen: Knurren und Zähnefletschen schicken sie ihm hinterher, wenn er an ihnen vorbeiläuft.
Doch Mahlouji hat seine Zöglinge im Griff. Auf sein Geheiß setzt sich die Löwin folgsam auf einen Hocker und lässt sich auf das Spiel mit einem Luftballon ein. Der Kontrast zwischen der muskelbepackten, energiegeladenen Großkatze und dem luftig-leichten Ballon ist es, die beeindruckt und garantiert im Gedächtnis hängen bleibt nicht nur bei Kindern.
Vor allem die Abendvorstellungen lockten auch viel erwachsenes Publikum, sagt Charles Knie, der Zirkusdirektor. Zwischen 700 und 800 Besucher kommen im Schnitt zu jeder der beiden Vorstellungen täglich. Sehen wollen sie vor allem die Dressurvorführungen.
Der Atem stockt jedoch auch bei den akrobatischen Darbietungen wie der Leiterbalance der Wolf Family. Auf die Leiter zu klettern das schafft das Duo auch ohne stützende Wand. Frei schweben die Sprossen in der Manege. Ganz oben thront der Artist. Doch das ist noch nicht alles. Auf seiner Stirn balanciert er eine Stange, die bis unter die Kuppel des Zeltdachs reicht und auf der sich seine Partnerin dreht.
Es sind jedoch nicht nur die Sensationen, die einen Zirkusbesuch ausmachen. Ganz wichtig: Die Kommunikation zwischen Artisten und Publikum muss stimmen. Marina Trechina lächelt und nickt dabei ihrem Publikum kaum merklich zu die Zuschauer haben verstanden: Mit rhythmischem Klatschen feuern sie die Artistin an, die hinter dutzenden von glänzenden Hula-Hoop-Reifen, die gleichzeitig um ihren zierlichen Körper kreisen, nahezu verschwindet. Man nimmt nur noch silberndes Blitzen im Takt der Rock`n`Roll-Musik wahr.
Das Ereignis Zirkus ist wieder im Kommen, hat Zirkusdirektor Knie festgestellt: "Die Leute haben genug davon, auf der Couch vor dem Fernseher zu sitzen."
Von Beate Maisch

