Bis gestern haben die Bühnen zehn Opernstühle verkauft das macht eine Spendensumme von 7500 Euro. Bis zur Wiedereröffnung der Oper zum Spielzeitwechsel 2008 müssen insgesamt 780 Sessel finanziert werden. Derzeit werden im Gebäude Schadstoffe entsorgt.
Seit 50 Jahren hat Ursula Wilhelm ein Theater-Abo in Wuppertal. Jetzt wird sie Pionierin: In der Oper ist sie die erste Stuhlpatin.
Wuppertal. Ursula Wilhelm hat gut lachen. Denn schlecht gesessen sei sie lange genug. "Seit 50 Jahren rutsche ich auf unbequemen Theaterstühlen hin und her." Das reicht, wie die 73-Jährige findet: "Jetzt kaufe ich mir selbst einen!" Die Wuppertalerin logiert zwar gerne gemütlich, sie sitzt allerdings nicht auf ihrem Geld: Wilhelm ist die erste Stuhlpatin der Wuppertaler Bühnen. 750 Euro kostet jeder der 780 Zuschauersessel, die zum Spielzeitwechsel 2008 im dann sanierten Opernhaus für einen ganz neuen Sitzkomfort sorgen sollen.
Dass ihre 750 Euro gut investiert sind, steht für die erste Patin außer Frage. Als gelernte Bankkauffrau kennt sie sich schließlich mit Geldanlagen bestens aus. Weitaus wichtiger als der materielle Wert ist jedoch das Zeichen, das Sponsoren bei der von der WZ unterstützen Stuhlaktion setzen. Dabei geht Wilhelm mit bestem Enthusiasmus voran. Denn wer die rührige Rentnerin kennt, der weiß, dass die weltgewandte Globetrotterin ein Möbelstück nicht (nur) deshalb finanziert, weil sie mit einem Augenzwinkern auf mehr Sitzkomfort hofft.
Der Sessel ist ein Symbol, ein Liebesbekenntnis an ihre Stadt. Wilhelm selbst ist nicht zum ersten Mal Pionierin: Als Gründungsmitglied des Zoovereins fühlt schlägt ihr Herz bis heute für Elefanten und Giraffen die übrigens als Holzund Keramikfiguren die Souvenir-Regale ihrer Wohnung füllen, denn Wilhelm ist nicht nur in Theater und Oper, sondern auch in der ganzen Welt zu Hause.
Noch lieber als Brasilien und Indien hat sie aber Wuppertal. Dabei bewegt sich die passionierte Theatergängerin nicht nur regelmäßig im Zuschauerraum, sondern auch auf dem gesellschaftlichem Parkett beim Förderverein (den Freunden der Wuppertaler Bühnen und des Sinfonieorchesters Wuppertal) genauso wie beim Richard Wagner Verband, den die 73-Jährige vor vier Jahren für sich entdeckte.
"Carmen" ist ihre Lieblingsoper - seit sie das Stück erstmals als Gymnasiastin gesehen hat. "Nach dem Krieg wurden die Opern ja in der Stadthalle aufgeführt." Und Wilhelm musste ihren Kulturgenuss in einem Schulaufsatz verarbeiten. Inzwischen verfolgt sie ein solches Theater nur noch aus purer Freude.
"Die Bühnen haben mir in den vergangenen Jahrzehnten viel Freude gemacht", sagt sie, "jetzt will ich etwas zurückgeben." Als sie in der WZ las, dass Stuhlpaten gesucht werden, war die Entscheidung deshalb schnell gefallen. Spontan hat sie bei den Bühnen angerufen und sich prompt gewundert, "dass ich die allererste Stuhlpatin bin". Aber nicht die einzige: Zehn Stühle sind inzwischen finanziert.
"Ich freue mich jetzt schon auf die neue Oper", sagt die Elberfelderin, die 1933 in Barmen geboren wurde und seit 50 Jahren ein Bühnen-Abonnement hat. Wenn sich Ursula Wilhelm an den einstigen Theaterbetrieb an der Bergstraße oder das von Luftangriffen zerstörte ehemalige Barmer Haus erinnert, möchte man stundenlang zuhören.
Karl-Heinz Vosgerau, Kurt Moll, Christian Quadflieg: Mit glänzenden Augen schwärmt die Stuhlpatin von den Auftritten großer Künstler und einem ganz bestimmten Sitzplatz. "Im Opernhaus saß ich früher immer im ersten Rang, Reihe eins. Da konnte man so schön auf das Orchester schauen."
Apropos: "Ich bin ein Fan von Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka", bekennt sie. Auch Schauspieler Thomas Braus findet sie "ganz toll". Und was wünscht sie sich, wenn die Oper wieder eröffnet wird und "ihr" Stuhl dann tatsächlich zum Sitzen einlädt? "Dann möchte ich eine schöne Verdi-Oper sehen."
27.10.06Von Martina Thöne

