Der aus Wien stammende Pianist Tim Fellner brillierte bei Klavierfestspielen Ruhr im Dortmunder Harenberg Center.
Dortmund. Versierte Musikanten und Virtuosen gibt es derzeit viele, wahre Künstler nur wenige. Der aus Wien stammende Pianist Till Fellner (32) gehört zu dieser raren Spezies, die sich uneitel in den Dienst des Höheren stellt. Und beim Klavierfestival Ruhr im Dortmunder Harenberg Center stellte er an Sonaten von Ludwig van Beethoven und Franz Schubert und den "Bildern einer Ausstellung" Modest Mussorgskis unter Beweis, welch geistige Dimensionen sein Klavierspiel besitzt. Dagegen erscheinen Lang Lang, Pogorelich oder Kissin wie überspannte und überschätzte Medienstars.
Der Schüler Alfred Brendels erinnert in seiner schnörkellosen Reinheit des Ausdrucks an Tugenden der verstorbenen Altmeister wie Wilhelm Kempff, Claudio Arrau oder Sviatoslav Richter. Was der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau an Richters Klavierspiel "archaisch" nennt, diese Ursprünglichkeit der Expressivität, tritt auch in der Kunst Fellners hervor.
Nehmen wir die große viersätzige B-Dur-Sonate op. 22 Beethovens: Hier gibt es wenig Spektakuläres wie in der "Appassionata" mit ihrem wilden Sturm und Drang, es sind vielmehr hintergründige Spielereien mit Motiven, Harmonien und zarten Affekten. Fellner bringt diese Feinheiten eloquent zum Ausdruck und verbindet sie zum spannungsvollen dramaturgischen Kontinuum.
Er verzichtet dabei puristisch auf äußerliche Effekte und schöpft alle Impulse aus dem Innersten des Werkes heraus. Schuberts a-Moll-Sonate D 784 vermag er in ihrer ganzen melancholischen Mystik und zerklüfteten Dramatik darzubieten, sein Fortissimo erscheint gefühlsecht und unforciert, Tremoli kommen wie aus dem Nichts und entladen sich zwingend und schicksalhaft.
Fellner gaukelt dabei keine Emotionen vor, sondern setzt sein tiefes musikalisches Verständnis und Imaginationsvermögen in Klang um. Solch sensible Einfühlung kommt auch bei den "Bildern einer Ausstellung" zugute. Das musikalisch nachgemalte Portrait "Samuel Goldberg und Schmuyle", das einen armen und einen reichen Juden abbildet, formt Fellner zu kleinen Szenen. Der großspurige Reiche und der flehende Arme führen einen ungleichen Dialog. Fellners verinnerlichtes Mienenspiel mag hierbei unbewusst die Musik widergespiegelt haben, doch hätte kein Burg-Schauspieler überzeugender gewirkt.
Für den begeisterten Beifall gab es anschließend eine sehr feine Zugabe: "Au lac de Wallenstadt" aus Franz Liszts "Années de pélerinage".


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