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Liebt Übersetzer: Günter Grass

Günter Grass: "Es muss doch auch in China prickeln!"
Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass lud ausländische Literaten zur Textanalyse ins Europäische Übersetzer-Kollegium.
Straelen/Niederrhein. Während Peter Handke nur mit einer Handvoll ausgewählter Übersetzer auch schon einmal speisen geht - man isst Pilze -, war es Günter Grass ein inneres Anliegen, zum Abschluss des ersten Übersetzertreffens in Frankfurt am Main vor über 25 Jahren anlässlich der Arbeit an dem Roman "Der Butt" für alle eigenhändig nach "Butt"-Rezept eine Fischsuppe zu köcheln. Während er nach Frischem den Gemüsemarkt abgraste, musste er für den Erwerb eines frischen Butt eine "Nordsee"-Filiale aufsuchen.

Diese Anekdote erzählte er gestern in der Küche des Europäischen Übersetzerkollegiums in Straelen an der holländischen Grenze bei einem neuen Treffen. War damals der verstorbene Klaus Birkenhauer der Mentor und Moderator, ist es nun der souveräne Literat Helmut Frielinghaus. Grass ist der einzige Autor, der beharrlich seinen jeweiligen Verlagen das Zugeständnis abgetrotzt hat, dass sie die Treffen finanzieren, "denn sie partizipieren an dieser Zweitleistung". Dass die Literatur in buchstäblich "autorisierter" Übersetzung grenzüberschreitende Wirkung entfalten kann, sei allein das Verdienst der anderssprachigen Nachdichter. Dies stehe "in absolutem Gegensatz zu ihrer gesellschaftlichen Rolle: unterbezahlt und im Hintergrund". Deswegen rät er seinen Kollegen, es ihm gleichzutun, nämlich Gleiches von den Verlegern zu verlangen, bevor sie ihr neues Manuskript zur Verwertung freigeben.

Im sonnendurchfluteten überdachten Lichthof des denkmalgeschützten Hauses beginnt die Arbeit. Übersetzer und Übersetzerinnen aus Griechenland, Dänemark, Russland, Finnland, Georgien, Bulgarien, Polen und ein Chinese haben sich in diesem weltberühmten Haus eingefunden. Selbst Ministerpräsident Peer Steinbrück, der Bewunderung für das Kollegium zollt und weitere Förderung zusagt, nimmt sich eine geschlagene Stunde Zeit, den Fragen, vor allem den Antworten zu lauschen nicht zuletzt aber dem Vortrag des Gedichtes "Kleckerburg" durch Grass, der auf unnachahmliche Weise das "Blubb, pifff, pschsch" der Ostsee-Wellen lautmalt.

Grass bringt seinen Essay aus dem Band "Von der Zukunft der Erinnerung" (Steidl Verlag, herausgegeben mit Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska) mit. Erste Frage: Warum steht da: "etwas, das mir quersteht" und wie übersetzt man das? Nun, sagt Grass, drängt sich eine Erinnerung auf, dann ist sie aktiv, ein Widerstand in mir, "querliegen wäre zu ruhig, statisch". Fragen zuhauf: Was sind "verjährte Briefe" und "tückische Stichworte" und das "Fischerdorf Brösen" und kann man es heute noch so nennen, da es doch inzwischen einen polnischen Namen hat? Größtes Problem: In China, klagt Wuneng Yan, gibt es weder Brausepulver noch ein Wort dafür. "Aber", ruft Grass, "irgendwas Prickelndes gibt es bei Ihnen doch auch!" Unterdessen hat Regine Peeters die bunten Tütchen besorgen lassen und sie machen unter Gelächter die Runde.

Am naheliegendsten die Probleme mit der schönen Formulierung von den "wahrhaften Lügengeschichten". Grass erläutert schlagend: "Das ist der Anspruch der Literatur." Natürlich, denn im Grunde knüpft er da ja an Goethes "Dichtung und Wahrheit" an. Aber wie apart Übersetzerarbeit dann wieder ausfallen kann, schildert Els Snick aus Belgien am Beispiel von "schummeln": Das sei zuhause ein unschuldiger, ja beliebter Nationalsport. Was tun also, da der Übersetzer ja stets mit neuen Worten die semantisch formulierte Bedeutung generieren muss, ohne sie zu verraten.

"Das Ausgesparte muss mitschwingen", sagt Grass später im Journalistenkreis über die Aufgabe des Übersetzers. Hat einer "nicht alle Tassen im Schrank", so kann das eben nicht wörtlich übertragen werden. Durch die Öffnung des Ostblocks, aber auch des Untergangs faschistischer Regime wie in Portugal entdeckte er wie andere auch erst die zahllosen Verstümmelungen seiner Romane, Passagen, die aus politischer Ideologie oder puritanischer Engherzigkeit geschwärzt waren. Es gibt keine dummen Fragen", hatte Frielinghaus die Fragerunde eröffnet. "Die Übersetzer sind meine besten Leser", sagt Grass seit je. Und Liebhaber.

Freitag - 04.06.2004

04.06.04
Von Sophia Willems

 
 
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