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WIR in WUPPERTAL

Toshiyuki Kamioka - ein Mann für jede Tonart.

Ein faules Arbeitstier
Toshiyuki Kamioka: Der neue Generalmusikdirektor begeistert die Stadt - obwohl er noch kein einziges Mal Schwebebahn gefahren ist. Das bergische Publikum mag ihm diesen Fauxpas verzeihen, liegt es ihm doch seit seinem Amtsantritt im September hörbar zu Füßen, wenn der Dirigent ein gefeiertes Konzert nach dem anderen gibt.
Er verblüfft in jeder Hinsicht. Was Wuppertals neuen Generalmusikdirektor ausmacht, ist offensichtlich - und auch wieder nicht. Denn Toshiyuki Kamioka ist ein Mann für jede Tonart. Aber auch ein Mann der Kontraste. Das fängt schon bei der Selbsteinschätzung an. "Eigentlich bin ich faul und langweilig." Das sagt ausgerechnet einer, der durch Gastspiele die halbe, pulsierende Welt kennen gelernt hat, der seit September auch in Wuppertal ein gefeiertes Konzert nach dem anderen gibt, keine Zeit fürs Sightseeing in seiner neuen Heimat hat und deshalb - obwohl es sein großer Wunsch ist - noch kein einziges Mal Schwebebahn gefahren ist. Das bergische Publikum mag ihm diesen Fauxpas verzeihen, liegt es ihm doch seit seinem Amtsantritt hörbar zu Füßen.

Wer weiß, wie penibel sich der gebürtige Japaner auf seine Auftritte mit den städtischen Sinfonikern und dem Opernensemble der Wuppertaler Bühnen vorbereitet, wie der 44-Jährige nachts durchs Briller Viertel spaziert, weil er vorher keinen Termin frei hat, der kann nicht glauben, dass er faul sein könnte. Zumal ihn ein Blick auf die nüchternen biografischen Karrieredaten nicht gerade von dem Verdacht befreit, ein zielstrebiges Arbeitstier zu sein.

Vier Fächer studierte Kamioka in seiner Heimatstadt Tokio: Dirigieren, Komposition, Klavier und Violine. 1982 wurde er mit dem Ataka-Preis ausgezeichnet, zwei Jahre später wechselte er als Rotary-Stipendiat an die Hochschule für Musik in Hamburg. Es folgte, was konsequent erscheint: Kamioka wurde Generalmusikdirektor in Wiesbaden, Chefdirigent bei der Nordwestdeutschen Philharmonie, Leiter des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats.

Ein direkter Weg zu Ruhm und Glück? Wohl kaum. Denn Kamioka ist kein Wunderkind, das musikalisch geschulte Eltern zur künstlerischen Laufbahn ermuntert haben. Zur Fingerfertigkeit am Klavier, zum feinen Gehör musste er selbst finden. Spielerisch tastete er sich ans Klavier in Kindergarten und Schule heran. Beeindruckt und animiert von einer Lehrerin, "die wahnsinnig gut Klavier spielen konnte".

Als er acht war, wurde der Vater, ein Filmproduzent, arbeitslos. Als Verkäuferin musste die Mutter das Geld verdienen. Für klassische Klänge hatten die Eltern weder Zeit, Geld noch Muße. "Nein, eine musikalische Familie waren wir nicht", sagt Kamioka mit einem versöhnlichen Schmunzeln. Im klassisch-musikalischen Sinne ist er das "schwarze Schaf" der Verwandtschaft.

Bis heute. Denn auch der jüngere Bruder, der beim japanischen Justizministerium arbeitet, interessiert sich mehr für Paragraphen als fürs Piano, das dem eigentlich introvertierten Erstgeborenen den Weg ins öffentliche Scheinwerferlicht gewiesen hat.

Scheu sei er schon als Kind gewesen. Nicht gerade leise sei es damals in der um die Existenz kämpfenden Familie zugegangen, gibt Kamioka offen zu. "Meinen Ruhepol habe ich in der Musik gefunden", analysiert er heute. Die Eltern sind dominant, das staatliche Erziehungssystem streng. "Es gab massive Hausaufgaben und nicht viel Spielraum."

Aber die Sehnsucht nach ruhigen, nach beruhigenden Tönen. Die findet Kamioka per Zufall: "Mein Vater hatte eine Chopin-Platte geschenkt bekommen. Die habe ich eines Tages entdeckt und tausendmal gehört." So klingt es auch nicht verbittert, sondern versöhnlich, wenn er zurückblickt. "Meine Eltern waren streng und damit beschäftigt, uns zu ernähren. Aber sie haben mich die Liebe zur Musik leben lassen."

Ein Einzelgänger, der sich in die Welt der Klassik zurückzieht? Das ist er - und auch wieder nicht. "Ein richtiger Außenseiter war ich in der Schule nicht." Schon deshalb, weil er auch Popmusik gehört hat. "Sie hat mich aber letzten Endes nicht so angemacht." Dann doch lieber Jazz - den hat er in der Hochschule der Künste und Musik in Tokio gespielt.

Kindheit und Uni: An beides binden ihn gemischte Gefühle. "Ich habe schon allerhand gemacht, um meinen Traum zu leben", erzählt er augenzwinkernd. Um sich erst Privatunterricht und dann die Uni leisten zu können, hat er als Schüler und Student gejobbt, Versicherungen verkauft, gekellnert, in einer Schokoladenfabrik am Band gestanden. "Das waren Erfahrungen, die mich weitergebracht haben", sagt Kamioka und meint weniger den finanziellen, als vielmehr den persönlichen Gewinn.

In die Rubrik Selbsterfahrung ordnet er auch die größte Enttäuschung seines Uni-Lebens ein. "Das wird nichts mit Ihnen", habe ihm ein Professor knallhart prophezeit und damit ein echtes Schlüsselerlebnis provoziert. Denn Kamioka nahm sich die Kritik zu Herzen, tauschte die Uni gegen ein Hotel. Ausgerechnet hier, an einer Rezeption in Tokio und nicht im Konzertsaal, traf er Kurt Masur, Claudio Abbado und Riccardo Muti. "Das war schon komisch. Ich war ihr Fan und immer total aufgeregt, als ich ihnen den Zimmerschlüssel gegeben habe."

Für die Star-Dirigenten war es nur eine Durchreise, für Kamioka war die Begegnung mit seinen Idolen ein Ansporn und Neuanfang. Nach einem Jahr kündigte er im Hotel, stellte sich der Jury und wurde Rotary-Stipendiat. "Plötzlich ging alles ganz leicht."

So leicht, dass der Mann, der so gerne lächelt, dankbar und längst selbst Professor ist. "Junge Menschen zu schützen und unterstützen" das ist ihm wichtig. Wobei es nicht nur an seinem eigenen Professor in Tokio liegen dürfte, dass er keiner von denen sein will, die mit Pauken und Trompeten auf sich aufmerksam machen, sondern lieber die leisen Töne anschlägt.

"Dirigent zu sein, wird oft mit Macht verwechselt", hat er festgestellt. Die eigene Berufsauffassung sieht anders aus. "Konflikte lösen, alles zusammenzuhalten." Das sei die echte Herausforderung.

Und so werden Einzelgänger-Qualitäten zum Wohle der Mannschaft untergeordnet. Partys und Empfänge scheut Kamioka nur deshalb nicht, "weil es zu meinem Beruf gehört". Lieber wäre er öfter am Strand obwohl er nicht schwimmen kann. Die Weite des Meeres fasziniert den Japaner, der sich mit den paradoxen Seiten seines Lebens mit asiatischer Ruhe arrangiert hat: "Ich bin gerne allein, obwohl ich als Dirigent ein anderes Leben führe."

Ein "Zigeunerleben", wie er selbst resümiert, und eines, durch das er ein wichtiges privates Ziel verfehlt habe. "Schon als Kind wollte ich nur eines: Familienpapa werden." Das hat nicht ganz geklappt. Einen Sohn hat er zwar, doch der Zehnjährige lebt bei seiner deutschen Mutter in Bottrop.

Nachwuchs für die Sinfoniker? "Nein", sagt der Vater und winkt lachend ab. "Er spielt lieber Fußball." Worüber Kamioka jedoch nicht traurig ist. Wie auch über die Tatsache, dass er viele CDs, aber keine Anlage besitzt. Denn Musik hört er lieber im Autoradio.

Apropos: "In Japan sind die Züge pünktlicher, da braucht man kein eigenes Fahrzeug." Erst vor zehn Jahren hat er deshalb in Deutschland den Führerschein gemacht. "In einem zweiwöchigen Intensivkurs." Seitdem ist er in Autos genauso vernarrt wie in Spagetti. Die kann er sich getrost erlauben, weil er drei bis fünf Kilo pro Konzert verliert.

In Deutschland möchte der Japaner bleiben wegen des Sohns, aber auch wegen der Karriere, "die ich mir hier aufgebaut habe". Die Alternative ist ja auch nicht ganz ernst gemeint: "Würde ich wiedergeboren, wäre ich gern eine Blume in Sibirien." Obwohl es da sicherlich keine Bäckerei gäbe und seine Augen beim Stichwort Süßigkeiten glänzen wie sonst nur bei Musik von Chopin, seinem Lieblingskomponisten.

"Ich bin ein Genießer, möchte Kochen lernen und würde am liebsten nur auf dem Sofa sitzen und träumen", gibt er augenzwinkernd zu. Genau das dürfte das Geheimnis seines Erfolgs sein: "Ich habe gar keine Zeit, um faul zu sein."

15.03.05
Von Martina Thöne