Am 24. April kommt der Historiker als Gast der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft als Diskussionspartner nach Wuppertal.
Wuppertal. Viel Wirbel gibt es momentan um Schriftsteller Rolf Hochhuth. Der 73 Jahre alte Autor Theaterstücke wie "Der Stellvertreter" oder "McKinsey kommt" wurde von der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft (ELSG) zum 24. April in die Gemarker Kirche eingeladen. Anlass: 60. Jahrestag der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur. Am 18. Februar verteidigte Hochhuth jedoch in einem Interview mit der rechts-reaktionären Zeitung "Junge Freiheit" Holocaustleugner David Irving.
Der britische Historiker ist wegen Volksverhetzung verurteilt und hat Einreiseverbot in Deutschland. Dass Rolf Hochhuth diesen Mann in Schutz nimmt, wurde zuletzt landauf und landab kritisiert. Daraufhin wollte die ELSG ihre Veranstaltung umfunktionieren, zu einem Streitgespräch zwischen Hochhuth und Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden. Spiegel nahm die Einladung nicht an, weil es aus seiner Sicht nichts zu besprechen gäbe und am 24. April zudem das jüdische Pessach-Fest beginne. Inzwischen hat sich Hochhuth entschuldigt, seine Äußerungen gegenüber der Jungen Freiheit "idiotisch" genannt, gesagt, er schäme sich und Spiegel ist nun bereit, mit dem Autor zu diskutieren.
Das wird nur nicht in Wuppertal geschehen. Am vergangenen Mittwoch wollte ELSG-Mitglied Dirk Bungart im Katholischen Stadthaus an der Laurentiusstraße über "Erfahrungen in einem Experiment leben in Israel" referieren. Doch Bungart trat vorab aus der Gesellschaft aus, weil er nicht verstehen kann, dass Hochhuth, der weiterhin für den 24. April eingeladen ist, "eine unwürdige Plattform, ein Forum für seine Phrasen" erhält. Aufgrund dieser Absage lud ELSG-Vorsitzender Hajo Jahn zu einer Podiumsdiskussion über die Verwicklungen vergangener Wochen ein. "Herr Hochhuth ist kein Antisemit. Er ist ein Demokrat", bekräftigte Jahn, "wir sprechen uns aus für eine intellektuelle, eine politische Auseinandersetzung mit ihm. Deshalb wird er nach Wuppertal kommen, nach wie vor."
Anschließend las Jahn im Kreis von einem Dutzend Zuhörern Passagen aus dem strittigen Interview. In diesem sind tatsächlich keine antisemitischen Äußerungen des Autors zu bemerken. "Irving ist ein fabelhafter Pionier der Zeitgeschichte, der großartige Bücher geschrieben hat", heißt es in der Jungen Freiheit, "ganz zweifellos ein Historiker von der Größe eines Joachim Fest. Der Vorwurf, er sei ein Holocaust-Leugner, ist einfach idiotisch!" Es stimmt, dass Irving als 23-Jähriger mit "Der Untergang Dresdens" ein wegweisendes Buch über die Weltkriegsbombardierung der Stadt verfasst hat.
Doch später vernichtete er sein Lebenswerk mit Sätzen wie jenem über Auschwitz, dass in den Gaskammern dort "weniger Menschen umgekommen" seien "als 1969 auf dem Rücksitz Edward Kennedys". Von diesen Aussagen will Hochhuth, obschon er im Interview darauf angesprochen wurde, nichts gewusst haben.
Die Stimmen am Mittwochabend tendierten deshalb auch verständnisvoll in Richtung Paul Spiegel, der als Jude selbstverständlich kein Interesse hat, über derartige Sätze öffentlich zu diskutieren. "Hochhuth hat sich nicht so verhalten, wie es erwartbar wäre, von einem Menschen der Gedanken, des Geistes. Hochuth hat nicht nachgedacht. "Aber jetzt müssen wir reden", forderte Hajo Jahn: "Wir müssen streiten. Es kann nicht angehen, dass alle Schotten dicht gemacht werden."
Die Veranstaltung am Sonntag, 24. April, beginnt ab 18 Uhr in der Gemarker Kirche Barmen. Schriftsteller Rolf Hochhuth, der seine KZ-Gedichte und kritischen Winston Churchill-Texte lesen wird, diskutiert anschließend mit Antisemitismusforscher Klaus Holz, Leiter des evangelischen Studienwerkes Villigst. Die Moderation übernimmt Heiner Lichtenstein, Journalist, Buchautor und Fachmann für Holocaust und NS-Prozesse.
15.03.05Von Jan Drees

