Während der Biennale erhält der Brite eine große Einzelausstellung im Museo Correr in Venedig. Der Freud-Enkel gilt als der größte realistische Maler der Gegenwart.
Venedig. Vor dem Porträt des Andrew Parker Bowles im Palazzo Correr amüsieren sich die Besucher, denn Bowles ist Ex-Gatte von Camilla, der Ehefrau von Prinz Charles. Als Brigadier malte ihn Lucian Freud, die Gala-Uniform ist aufgeknöpft, unter dem feinen, weißen Hemd wölbt sich das dicke Bäuchlein.
Der Maler aus London wollte weder dieses Modell noch das der Queen desavouieren, doch beide Bilder in der herrlichen Retrospektive laden zum Lächeln ein: Die Königin hat er in ein Miniformat gequetscht, Locken und Krone angeschnitten, um das ungeschminkte Business-Gesicht mit den vielen Falten in energische Pinselstriche zu verwandeln.
Freud gilt als größter realistischer Maler der Gegenwart. 1923 wurde er in Berlin als Enkel des Seelenarztes Sigmund Freud geboren, musste als Jude 1933 emigrieren und besitzt seit 1939 die britische Staatsbürgerschaft. In England hofiert man ihn, er vertrat schon 1954 Großbritannien auf der Biennale in Venedig, zusammen mit Francis Bacon, seinem Freund. Der Kurator William Feaver setzt auf den schonungslosen Maler der Hautfalten, auf krude, monströse Akte, Schwabbelbäuche und Fleischberge.
Im Zeitalter virtueller Künste und im blendenden Licht der Lagunenstadt wirkt diese Kunst wie ein Angriff auf die Sehnerven. Nur das Frühwerk ist lieblich, den Auftakt macht die merkwürdig weggetretene Kitty mit der Rose, die schüchtern und mit leichten Glupschaugen am Betrachter vorbei schaut. Eine Blume liegt geköpft auf dem Schoß, der anderen droht dasselbe Schicksal.
Derlei feine Bilder, zu denen das Mädchen mit dem weißen Schoßhund auf dem Kanapee oder das faszinierende, alle Facetten der Stofflichkeit ausspielende Frauenporträt von 1969 zählen, gehören einer längst überwundenen Frühphase des Künstlers an. Seitdem hat Freud den Pinsel aus Zobelhaar mit dem aus Schweineborsten vertauscht, und er benutzt Malmesser.
Das Gegenüber, egal, ob Mutter, Bruder, Enkel, Kollege oder eigenes Ich, erscheint nun selbst in der Kleidung nackt und bloß. Freud modelliert den zerfurchten Kopf oder die Körper, und holt dabei die Fleischberge schön und die Hauttöne saftig und farbenfroh heraus.
Man liest sich in diese Malerei ein und wird von dieser Einheit aus Farbe und Fleisch in Bann gezogen. Grandios und trotzdem ungemein sensibel wirken die Leiber, unter deren Fett das Sofa zusammenzubrechen droht. Ein Rubens unserer auf Diät gesetzten Zeit. Mit völlig unaktuellen Typen. Auch sein Maltempo ist unzeitgemäß, 150 Stunden für ein Modell sind keine Seltenheit. Bacon verließ die Sitzung vorzeitig, das Bild blieb unfertig, der kapitale Kopf schiebt sich gewaltig aus dem weißen Grund heraus.
In "Maler und Modell" von 1986/87 steht das Mädchen wie eine Heilige neben ihm, das Kleid eine ungefilterte, fast rohe Farbpalette. Wie ein Schild schützt die Malerei den nackten Mann in seiner männlichen Pracht auf dem Sofa.
Lucian Freud begegnet auch dem eigenen Porträt rücksichtslos. 1993 steht er als alter, nackter Mann auf dem Atelierboden, bekleidet allein mit seinen Pigmenten und den offenen Schuhen. Vor wenigen Monaten schuf er sein Konterfei vor einem nackten, kauernden Mädchen, hinter ihm taucht eine verkrustete Malwand auf, die all die abgestoßene, unverbrauchte Farbe der letzten Jahre aufnimmt. Zur Vernissage in Venedig erschien er nicht. Der 82-Jährige wollte keine Zeit vor der Staffelei verlieren.
Von Helga Meister


Städte & Musicals