WZ-HÖREN
Gewandhaus-Kapellmeister Riccardo Chailly
Der neue Gewandhaus-Kapellmeister hat den Wechsel vom renommierten Concertgebouw Orchester Amsterdam nach Ostdeutschland nicht bereut.
Leipzig. Riccardo Chailly hat die deutsche Kulturpolitik scharf kritisiert. "Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Jahren die goldene Tradition von Jahrhunderten verspielen ohne Chancen auf Wiedergutmachung", sagte der Italiener über die Kürzungen im Kultursektor. Dennoch habe er nach 16 Jahren in Amsterdam den Wechsel vom Concertgebouw Orchester nach Leipzig nicht bereut.
Frage: Wie in Leipzig wird in Deutschland derzeit vielerorts gerade in der Kultur gekürzt. Orchesterfusionen oder gar Schließungen werden salonfähig. Haben Sie den Schritt vom finanziell gut ausgestatten Konzerthaus in Amsterdam nach Leipzig schon bereut?
Chailly: "Keineswegs. Leipzig ist für mich ein Abenteuer und eine Chance, etwas Neues, etwas Großes zu entwickeln. Mit seinen 185 Musikern ist das Ensemble das wohl größte auf der Welt. Die Wucht dieses Riesenklangkörpers reizt wie kein anderes Orchester. Die finanzielle Situation ist bekannt. Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Jahren die goldene Tradition von Jahrhunderten verspielen ohne Chance auf eine Wiedergutmachung. Das ist ein schleichender Prozess."
Frage: Ist das holländische oder italienische Publikum der Klassik gegenüber aufgeschlossener als das deutsche?
Chailly: "Die Skepsis und Zurückhaltung vieler gegenüber klassischen Werken ist kein deutsches Phänomen. Im Gegenteil: Ich denke, ich bin fast schon eine Spur verwöhnt vom deutschen Publikum, das mich jedes Mal so herzlich empfängt, auch weil es ein sehr gebildetes Publikum ist. Die Konzertluft scheint hierzulande heilig. Die Stille am Schluss eines Stückes ist einzigartig auf der Welt. Die 15 oder 20 Sekunden am Ende eines Abends kommen einem wie eine Stunde vor. Dann, wenn der Taktstock sinkt, der frenetische Beifall des Publikums."
Frage: Aber die Zahlen der Internetdownloads von Musik zeigen, dass sich vor allem Jugendliche und junge Leute durchaus für Musik interessieren aber eben für flotten Pop statt Klassik.
Chailly: "Die anderen Genres jenseits des Mainstreams werden fallengelassen. Aber wenn die jungen Leute nicht zuhause oder in der Schule mit klassischer Musik in Berührung kommen, woher sollen sie dann wissen, dass sie eine große Sprache für die Seele sein und den Menschen viel Gutes bringen kann. Viele Orchester, auch das Gewandhausorchester, versuchen, diesen ersten Kontakt mit speziellen Angeboten herzustellen und sich den jungen Leuten zu öffnen, aber fehlenden Musikunterricht können wir natürlich nicht ersetzen." 26.08.05


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